Ich seh förmlich die Fahrer vor mir, wie sie nochmal 10 Minuten extra rumrangiert haben, bis sie alle symmetrisch stehen. Vielleicht transportieren diese Busse aber auch die olympischen Mannschaften der Synchronschwimmer aus der Mongolei (rot / himmelblau) und der Ukraine (blau / gelb). Wir wissen's doch nicht, woher soll'n wir's auch wissen.
Donnerstag, 24. Mai 2012
Das Mampfmonster ist wieder unterwegs.
Mittwoch, 23.05.2012
Epalinges nach Goumoens-la-Ville (ich kann's immer noch nicht aussprechen)
7 h / 28 km
Epalinges nach Goumoens-la-Ville (ich kann's immer noch nicht aussprechen)
7 h / 28 km
Epalinges
ist heute Morgen noch häßlicher als gestern. Ohne den Romantikfaktor
Sonnenuntergang und das weiche Licht läßt sich nicht mehr verheimlichen,
daß dieser Ort einfach nur ein Vorort von Lausanne ist. Mit seinen
Hochhäusern aus den 80ern muß ich eher an Hohenschönhausen denken. Wie
gut, daß gleich dahinter der Wald beginnt.
Eigentlich
laufe ich heute fast nur durch Wald. Mal schöner kleinteiliger Wald,
der gekonnt versteckt, daß nur ein paar hundert Meter weiter schon
wieder die Zivilisation anfängt. Mal ruppiger Militärwald, durch den
Betonpisten in mir unbekannte Richtungen streben. Mal lauschiges
Flußtalwälder mit Horden von aufgeregten Pferdemädchen auf Ponys. Und
überall: Quellen. Und Bänke zum Sitzen und Picknicken.
Der
coop-Supermarkt vorhin hatte sogar den "Spiegel" im Sortiment.
Deutschsprachiger Lesestoff. Eine willkommene Ausrede, um bei jeder
dritten Bank anzuhalten, ne halbe Stunde rumzusitzen und dann gemütlich
weiter zu gondeln. Eigentlich besteht der ganze Tag nur aus schlendern
und gondeln. Und futtern, denn irgendwie denke ich seit Tagen nur noch
ans Essen.
Die
Schweiz sieht hier vollkommen anders aus, als es uns Klischees,
Werbespots, Fernsehen und Heidi-Trickfilme weismachen wollen. Ich sehe
Bauernhofland, Flachland, allenfalls leichte Hügel. Nur einmal kann man
am Horizont hinter dem Dunst die erste Bergkette des Jura erahnen.
Ansonsten könnte das hier auch Sachsen-Anhalt sein.
In
Echallens tausche ich beim Bäcker ein kleines Vermögen gegen ein
Sandwich und zwei Pizzastücke, die mein Mittagessen werden sollen. Im
Migros komme ich für ein paar Getränke besser weg, aber schon beim
nächsten Bäcker muß ich nochmal zuschlagen. Schließlich brauche ich ja
noch ein Abendessen, in meiner Bed&Breakfast-Unterkunft auf dem
Bauernhof wird es nix geben. Und bei diesem zweiten Bäcker gibt es -
Glücksmoment! - Laugenstangen! Ohne Salz! Nachdem ich natürlich nicht
weiß, was Laugenstange auf französisch heißt, veranstalte ich mit der
Bäckersfrau eine kleine Suchchoreographie und ziehe glücklich von
dannen. Der Abend kann kommen.
Eine
halbe Stunde weiter kann ich meinen Zielort schon hinter den Feldern
sehen, habe aber noch keine Lust anzukommen. Also schlage ich noch ein
paar Schleifen durch das nächste Waldstück, liege noch ein bißchen im
Schatten im Gras rum und zuckele dann irgendwann zu meinem Bauernhof.
Hmm, kein Auto da, auf die Klingel antwortet auch niemand. Also mache
ich es mir erstmal auf der Bank bequem, inspiziere den
Selbstbedienungshofladen und eine halbe Stunde später trudelt der Bauer
auf seinem Hof ein. Freundliche Leute, nettes Zimmer, sogar mit kleiner
Gemeinschaftsküche. Zur Krönung hat er auch noch einen Adapter für die
doofen Schweizer Steckdosen parat.
Im
Laden unten wünsche ich mir sehr, daß ich ein Auto dabei hätte, um
sofort all die Marmeladen, Sirup-- (-- äh, was bitte ist die Mehrzahl
von Sirup?) Sirupe und anderen Sauereien einzusacken. Aus bekannten Gründen
begnüge ich mich mir selbstgemachtem Apfelsaft und Eis, was zusammen mit
meinen diversen Kleineinkäufen ein Festessen ergibt. So sieht
Versöhnung mit der Schweiz aus. Mit Essen kann man mich eben immer
ködern. Ich muß kurz über mein Tief in Évian schmunzeln und darüber, wie
schnell sowas überwunden sein kann. Ein guter Tag, ein zufriedener
Magen, eine gute Ankunft, das reicht, um mich aus allen Baggerlöchern
der Motivation wieder rauszuholen.
Mittwoch, 23. Mai 2012
WTF?
Danke, liebe Schweiz. Ich hatte vergessen, daß du dir ein eigenes Steckersystem leistest. Und wie soll ich jetzt meinen Laptop bestromen? Und mein Telefon und eigentlich fast alle anderen Geräte? Immerhin das Ladegerät für die Kamera funktioniert.
Bonjour, Lausanne.
Dienstag, 22.05.2012
Évian-les-Bains nach Espalinges (CH)
vielleicht 2h? / vielleicht 8 km?
Évian-les-Bains nach Espalinges (CH)
vielleicht 2h? / vielleicht 8 km?
Die ganze Nacht Regen. Das war super, weil ich mich unter der dicken Bettdecke vor der kalten Luft verstecken konnte. Daß es am Morgen auch noch regnet, ist weniger super und kürzt meinen Spaziergang durch Évian empfindlich ein. Dann doch lieber ein Boot früher nach Lausanne... Ich ziehe nochmal schnell zwei Kreise durch den Ort, finde immer noch keine Wanderkarten (erfahre aber, daß es einen Ort weiter in Thonon sogar einen speziellen Kartenladen gibt), umgehe die Ziegenkäsefahne des Wochenmarktes und setze mich lieber mit was Gutem vom Bäcker an den Hafen und gucke auf den trüben See.
Auf dem nix zu sehen ist.
Auf der Überfahrt bin ich zu faul, ein Foto von Évian zu machen, obwohl es wirklich schick aussieht. Auch für ein schönes Panoramabild von Lausanne bin ich zu faul. Eigentlich sind mir bei dem sonoren Brummen der Motoren sofort nach dem Ablegen die Augen zugefallen...
In Lausanne scheint die Sonne. Und hier weht sofort ein anderer Wind. Die Häuser mindestens drei Nummern schicker als in Frankreich. Überall Menschen in Anzügen und Businesskostümchen. Die Porsche- / Audi- / Mercedes-Dichte auf den Straßen steigt sprunghaft um mehrere hundert Prozent. Bloß gut, daß ich das "gute" Hemd angezogen habe.
Ich zuckele mit der Telefonnavigation in der Hand die Straßen bergauf, suche und finde im Zentrum die größte Buchhandlung der Stadt (die meine gesuchten Frankreichkarten auch nicht haben), falle im Supermarkt rückwärts in die Kühltruhe, weil das Baguette hier 2,20 CHF statt wie in Frankreich 0,80 - 1,00 EUR kostet, und mache wie ein deutscher Tourist Fotos von einem Stadtbus. Daß hier E-Busse fahren, finde ich ja schon skurril, aber einen E-Bus mit Anhänger habe ich noch nie gesehen. Schade, daß ich kein Bus-Spotter bin, sonst hätte ich jetzt sicher ein feuchtes Höschen bekommen.
Mme Doge sitzt gerade mit zwei Freundinnen beim Kaffee, als ich reinschneie, um mein Paket mit den Schweizkarten abzuholen. Wir plaudern noch ein bißchen und zwei Stunden später mache ich mich wieder auf den Weg. Auf Mme Doges Hinweis hin nehme ich die abenteuerliche Abkürzung durch die Hecke und stehe gleich hinter dem Haus auf dem Feld und bin wieder im Wald. Soviel also zu Lausanne.
Schon in der ersten halben Stunde erweisen sich die gekauften Schweiz-Wanderkarten als Mist und Müll. Markierte Wanderwege sind zwar eingezeichnet, die wichtigsten Details aber fehlen. Prompt verfranse ich mich zweimal auf nur vier Kilometern und füge mich am Ende dem Schicksal, indem ich einfach nach Bauchgefühl und Richtung laufe.
Mein Privatzimmer für heute Nacht ist hübsch, aber unter dem Dach und daher bullenheiß. Ich habe Mühe, die Katze des Hauses wieder hinaus zu komplementieren, nachdem sie es sich erstmal in der Duschtasse bequem gemacht hat. Also nochmal auf zur Pizzeria drüben im Ort. Sie stellt sich als das Hotel Union heraus, wo man für flockige 140 CHF ein Einzelzimmer hätte buchen können. Das Hotelrestaurant ist ein schrill-lauter Pub mit 23 Spiel-/Lotto-/Flipperautomaten, Dorfjugend jeglicher Art und einer Musikuntermalung wie im Teenie-Jeansshop in Weiden (Oberpfalz). Die Pizza schmeckt und ich bin froh, daß ich hier nicht wohnen muß.
Als ich zu meinem Zimmer zurücklaufe, geht die Sonne gerade dramatisch unter. Das frisch geschnittene Gras am Hang duftet vor sich hin, die Luft ist kalt und es ist selbst für eine Vorstadtsiedlung sehr still.
Dienstag, 22. Mai 2012
Abschied von Frankreich.
Montag, 21.05.2012
Vacheresse nach Évian-les-Bains
5 h / 20 km
Wo gestern noch Berge und Wälder zu sehen waren, sind heute nur Wolken. Passend zum Aufbruch ist die Luft schwanger von Feuchtigkeit, kalt und klamm. Nach der Tour gestern mit leichtem Rucksack sind die ersten Kilometer mit vollem Gepäck auf dem Rücken ein schöner Brocken. Passend dazu verlaufe ich mich gleich in der ersten halben Stunde und lande auf irgendeinem Weg, den wohl sonst nur Jäger benutzen. Am Ende führt er einigermaßen in die richtige Richtung, daher kein Grund zur Panik.
Ich hangele mich durch dasselbe Tal, durch das ich vor 3 Tagen gekommen bin, zurück nach Chevenoz. Dahinter sind es nur noch ein paar Hügelchen, und schon kommt wieder der Lac Léman in Sicht. Während mich das eigentlich total kalt läßt, weil ich den ja schon seit Tagen immer wieder gesehen habe, fallen mir plötzlich die Parallelen zu meiner Deutschlandtour ein und plötzlich marschiert der Kopf in eine andere Richtung. Seit 9 oder 10 Wochen bin ich unterwegs, ungefähr 1.600 km, heute Abend werde ich am Seeufer ankommen. Die Erinnerung an meine Ankunft am Bodensee damals steigt wieder hoch, an die Stille damals in mir. Einerseits fühlt es sich heute ähnlich an, andererseits erwartet mich morgen ein neues Land, ein neuer Weg.
Ich trudele etwas ziellos auf kleinen Wegen die Hänge zum See hinunter, ich habe Zeit und sträube mich innerlich, anzukommen. Vom See ziehen dicke graue Wolken herauf, am anderen Ufer liegt Lausanne in der hellen Sonne.
Kein Bäcker, kein Laden, nichts. Ich hätte gerne nochmal ein ruhiges Picknick gemacht, bevor ich unten ankomme. Aber Pustekuchen. Évian serviert mir statt dessen Golfplatz, Tennisplätze, Parks und ein Hotel nach dem anderen. Vorbei an riesigen alterwürdigen Badehotels gehe ich entlang der Standseilbahn bergab, lande neben der Source Cachat und schmunzele über einen alten Mann, der sich gerade an der Quelle einen 6er-Träger Quellwasser abgefüllt hat.
Halbherzig schaue ich mir die ersten historischen Häuser von Évian an, aber mich erfüllt eine seltsame innere Unruhe. Und Unwillen. In der Fußgängerzone sehe ich - mein Gott! - die erste Eisdiele überhaupt, seit ich in Frankreich bin. Und lasse sie links liegen. Im Hotel stehe ich unter der Dusche, still. Ich liege eine Stunde auf dem Bett, still. Es ist ein komischer Nachmittag. Ich hätte so viel Zeit, mir nochmal den Ort anzuschauen (der zur Abwechslung endlich mal was hermacht), aber irgendwas lähmt mich.
Erst am späten Nachmittag ziehe ich nochmal los, hole mir beim Bäcker ein Stück Pizza und gehe runter zum Ufer. Passenderweise beginnt es sofort zu regnen und während ich an der Uferpromenande noch eine trockene Bank unter einem Baum finde, erkenne ich die Hauptstraße vor dem Casino wieder, auf der ich schonmal mit dem Auto langgefahren bin. Auf dem Rückweg zum Hotel durchforste ich noch erfolglos einige Läden nach Wanderkarten (für drei Tage habe ich noch Karten, danach bin ich blank), und entere dann endlich die Eisdiele. Daß die Kugel 1,50 EUR kostet, ist mir herzlich wurscht, und während ich im Augenwinkel das stolze Schild lese, daß alle Eissorten hausgemacht sind und nur Quellwasser aus der Source Cachat verwendet wird, erkenne ich plötzlich den alten Mann wieder, der im Hintergrund werkelt...
In der Fußgängerzone schaue ich mir noch ein bißchen die enttäuschten Touristen an, die mit suchenden Augen an den geschlossenen Geschäften vorbeiziehen (Montag...), bis der Regen auch die letzten Tapferen vertreibt.
Zurück im Hotel schaue ich ein bißchen aus dem Fenster und auch eines der schönsten Zimmer, das ich auf dieser Tour bisher hatte, tröstet mich nicht darüber weg, daß irgendwas mit dem Tag nicht in Ordnung ist. Irgendwas mit mir nicht in Ordnung ist. Ich bekomme es nicht sortiert -- vielleicht ist es der bevorstehende Abschied von Frankreich. Oder das Gefühl, an einem gefühlten Ende angekommen zu sein, und es geht doch weiter. Oder die Unsicherheit, wie es in den nächsten Tagen weitergeht. Oder was weiß ich.
Montag, 21. Mai 2012
Samstag, 19. Mai 2012
War ich hier schonmal?
Freitag, 18.05.2012
Habère-Poche nach Vacheresse
8 h / 31 km
Das Feriendorf-Straflager meint es echt ernst. Frühstück bis 08:30, Check-Out bis 09:00 Uhr. Naja, nicht so schlimm, ich wollte heute sowieso eine Stunde früher los, weil ich noch nicht so richtig weiß, was der Tag bringen wird.
Ab 08:45 hat das auch die Jalousie der Rezeption offen, damit ich meinen Schlüssel abgeben kann. Meine Frage nach einer Rechnung wird als Sonderwunsch mit hochgezogenen Augenbrauen kommentiert, aber ich bestehe darauf. Schon aus Knorrigkeit... Zur Strafe stehe ich kurz darauf im Regen. Von den Bergen nüscht zu sehen, nur Wolken. Naja, also Kapuze auf, Kragen hochgestellt und ab auf die Straße. Spontan entscheide ich mich endgültig dazu, die Bergtour Bergtour sein zu lassen und lieber im Tal auf der Straße zu bleiben. Denn 1. ist der Tag sonst wahrscheinlich zu lang, um noch Spaß zu machen und 2. weiß ich nicht, warum ich mich auf Berge hochprügeln soll, wenn ich oben sowieso nix außer Nebel sehe.
Unspannender Tag, bis auf schöne Aussichten in die Täler. Der Regen hört nach einer guten Stunde auf, also genau zu der Zeit, zu der ich normalerweise auf der Straße gestanden hatte. Ich schlucke den Ärger über das Feriendorf-Straflager runter ("HÄTTE ich irgendwo anders... WÄRE ich trocken geblieben...") und widme mich statt dessen dem Durchforsten der Dörfer am Straßenrand nach Eßbarem. Bäcker? Metzger? Dorfsupermarkt? Alles da. Mittagessen ist gesichert.
Hinter Lullin treffe ich einen besorgten Radfahrer mit Mops im Wald, den ich erst für einen Waldarbeiter halte. Weiter hinten steht ein weißer Kastenwagen mit offener Tür auf dem Waldweg in the middle of nowhere. Aber der Radfahrer wundert sich vielmehr, warum das Auto da offen und mitsamt Zündschlüssel im Schloß im Wald rumsteht. Wir suchen ein bißchen gemeinsam, ob sich irgendjemand in der Nähe rumtreibt, ich überlege kurz, ob das ein Wink des Schicksals sein soll, daß ich mir die Kiste unter den Nagel reiße und mit geöffnetem Fahrerfenster den gut gebräunten Arm locker in den Fahrtwind hängen lasse, während ich entspannt den Berg hochfahre, aber man hat ja so seine automobilen Mindestansprüche. Die in diesem Fall nicht erfüllt werden.
Der Radfahrer beschließt, bei den Gendarmerie vorbeizufahren, mir ist das irgendwie ziemlich wurscht und ich ziehe weiter. Wieder über schlammige Motocrosspisten balancierend, aber es guckt ja Gott sei Dank keiner... Unten am Fluß sitze ich ein bißchen auf der Mauer rum und versuche mich krampfhaft zu erinnern, ob ich hier nicht vielleicht schonmal mit dem Auto war. Bei meinen Urlauben im Wallis habe ich zwei oder dreimal Ausflüge in das Vallée d'Abondance gemacht, da müsste ich theoretisch hier vorbeigekommen sein. Aber mir kommt das alles nicht bekannt vor. Statt dessen hadere ich lieber mit meinem inneren Schweinehund, ob ich die restlichen 8 km auf der Straße gehen soll (einfach, kaum Steigungen, langweilig, gefährlich) oder ob ich doch nochmal zwei Berge raufkraxele (seufz, 400 Höhenmeter, aber natürlich die schönere Variante). Nachdem ich am Ende keine Lust habe, meinen Urlaub auf der kurvigen Straße unter einem Betonlaster zu beenden, wuchte ich mich lieber nochmal bergauf. Ist ja auch die schönere Variante...
Bei einer kleinen Zwischendurch-Straßenetappe bin ich mir plötzlich absolut sicher, daß ich genau an dieser Stelle da drüben mal zum Pinkeln angehalten habe. Ich gucke sogar nochmal über den Abhang, ob ich vielleicht irgendwelchen Müll wiedererkenne, der da damals schon gelegen hat, aber so sicher ich mir gerade noch war, so schnell kann ich auch über diesen zwanghaften Versuch zur Selbstverortung lachen. Du wirst schon irgendwann irgendwo ankommen, wo du schonmal warst. Wenn das das einzige Problem ist...
Ein paar komatöse Bergdörfer mit Ferienhausleerstand gibt es noch zu besichtigen, au8ch der Laden mit den Neuigkeiten (siehe rechts) hat schon lange dicht. Irgendwann finde ich endlich mein Hotel, das ich blind im Netz gebucht hatte. Sehr gute Bewertungen und mit 40 EUR die Nacht spottbillig. Es empfängt mich die fidele Chefin mit ausgesucht guter Laune (eigentlich lacht sie die ganze Zeit nur), stellt mir erstmal ein Bier hin (woher wissen die das immer nur...) und schon sind mir die ganzen Uralt-Möbel im Zimmer wurscht. Preis/Leistung stimmt, es gibt einen Balkon zum Stiefel lüften, eine orangene Tischedecke aus den 70er Jahren, beim Abendessen statt der Käseplatte einen Hieb Joghurt, der Seniorchef hat einen Stapel Custombike- und Oldtimerzeitschriften auf der Treoppe liegen und überhaupt bin ich hier richtig. Ich merke mal wieder, daß mir inzwischen völlig egal ist, wie hübsch oder elegant oder komfortabel meine Unterkünfte sind. Solange der Preis stimmt und die Leute freundlich sind, bin ich glücklich.
Morgen: Nichtstun, wahrscheinlich nur Schlafen.
Sonntag: Bergtour.
Montag: Abschied von Frankreich. Vorerst...
Freitag, 18. Mai 2012
Fasching für die Augen.
Donnerstag, 17.05.2012
Lucinges nach
Habère-Poche
8 h / 25 km
Schnell los, meine doofe
Unterkunft hat vergessen, mir das Frühstück zu berechnen.
Normalerweise bin ich ja ein ehrliches Kerlchen, aber bei so Läden,
die nur aus Versehen Zimmer vermieten und dann auch noch überteuert
sind, kenn ich nix.
Der Rucksack zerrt schwer
an meinen Schultern und will eigentlich das Gegenteil von "schnell".
Auf dem letzten Stück Straße hoch nach La Grange de Boege rasen die
letzten Wochenendheimfahrer auf dem Weg in ihr Häuschen an mir
vorbei. Mit "beschaulicher Ruhe am Berg" ist es hier schon
lange vorbei. Überall Ferienhäuser, die versuchen, mit intensiver Heckenbepflanzung ein Stück Privatsphäre abzustecken. In der Ferne sieht man Genf und die sich davon
ernährenden französischen Kleinstädte und wenn man sich so im Tal
und an den Berghängen umschaut, bestätigt das Ausmaß der Bebauung
auf jeden Fall das grobe Rezept "in der Schweiz arbeiten, in
Frankreich wohnen".
Auf dem Parkplatz am
Start des Wanderwegs steht trotz Feiertag und schönem Wetter kein
einziges Auto. Eine halbe Stunde später ahne ich langsam warum: Der
Weg existiert zwar, aber nicht so richtig offiziell. Also suche ich
mir mit der Karte einen Weg rauf zum Col du Pralère, treffe
unterwegs im Wald die ersten Gemsen und schwitze mir schonmal zum
zweiten Frühstück die Seele aus dem Leib. 500 Höhenmeter weiter
mache ich erstmal Pause in der Sonne. Der Rucksack muß unbedingt
leichter werden, daran arbeite ich ganz verbissen, indem ich erstmal
die restlichen Tomaten wegmampfe. Das hilft doppelt.
Daß Feiertag und schönes
Wetter ist, merkt man oben schnell auch am Wanderer-Gegenverkehr. Die
halbe Region ist heute auf diesen Berg gekraxelt, um sich Aussicht
anzuschauen. Ich muß zugeben: Dieser Wanderweg mit dem schönen
Namen "Balcon du Léman" trägt seinen Namen zurecht.
Ständig muß ich Aussicht nach links (Genf, Lac Léman, Jura) und
nach rechts (Mont Blanc und zig andere schneebedeckte Gipfel)
anschauen. Geradezu widerlich...
Auf einem kleinen
grasbewachsenen Zwischengipfel mache ich erstmal eine kleine Stunde
Mittagsschlaf und werde von heulenden Kindern geweckt, die kurz
darauf von genervten Eltern auf den Gipfel getrieben werden. Nach
drei Minuten fröhlichen Umherlaufen ist ihnen schon wieder
langweilig und sie ziehen weiter... Ein Stück weiter gibt es ein Kloster etwas unterhalb am Hang, da führt eine Straße hin und
entsprechend bevölkert sind die Aussichtspunkte hier oben. Ich
drücke ein bißchen aufs Tempo, um das Volk hinter mir zu lassen und
versöhne mich erst an der kleinen Kapelle Notre Dame des Voirons wieder mit
der Welt, als ich eine junge Nonne erschrecke, die gerade aus der
Kapelle kommt. Eigentlich ein schönes Bild -- die Kapelle liegt ganz
alleine im Wald, nur ein stiller Weg führt dahin. Sie geht
besonnenen Schrittes wieder in Richtung Kloster, ich schaue ihr noch
ein bißchen nach und drehe nach rechts in Richtung Tal ab.
Auf dem Weg zum Col de
Saxel freue ich mich schon insgeheim auf den nächsten Anstieg
danach, denn hinter Saxel liegt Super Saxel, wie mir meine
Wanderkarte schonmal berichtet. Nochmal saftige 400 Höhenmeter
weiter habe ich ein mittleres Motivationstief und sitze erledigt auf
einer Wiese und muß mir vor allem schon wieder Aussicht anschauen. Amtlicher
Tag heute: Von der Entfernung her eigentlich pillepalle, aber die
kleinen Wege und die Höhenmeter kosten ordentlich Kraft. Im Kopf
überschlage ich, daß ich noch locker drei Stunden unterwegs sein
werde und mache mich tapfer seufzend wieder auf den Weg.
So anstrengend die
nächsten Stunden auch sind - es sind die schönsten Stunden
dieses Tages. Ich liebe dieses Gefühl, wenn der Nachmittag schon vorbei ist, die Sonne merklich sinkt, man schon eine gute Strecke
hinter sich hat, ganz alleine im Wald unterwegs ist, weil alle
anderen Wanderer schon beim Abendessen sitzen und man einerseits auch noch
ein saftiges Stück Weg vor sich hat, was aber auch kein Problem ist,
weil es noch lange genug hell ist und die Kraft schon noch ausreichen
wird. Mit genau diesem Gefühl absolviere ich die letzten Stunden des
Tages über matschige Höhenwege, auf denen sich zum Leidwesen meiner Stiefel schon Generationen
von Motocross- und Quadfahrern vergnügt haben.
Als ich in Habère-Poche
einlaufe, kann ich schon von weitem das gelbe
60er-Jahre-Ferienstraflager sehen, in dem ich heute Abend mein Zimmer
reserviert habe. Mir schlägt eine schräge Jugendherbergsatmosphäre
entgegen, die von einem nicht unhübschen Zimmer konterkariert wird.
Für ein Abendessen bin ich entweder zu müde oder zu geizig oder zu
vernünftig und futtere statt dessen weiter an den Vorräten aus
meinem Rucksack. Das hilft doppelt - spart Geld und Gewicht.
Ich bin gespannt auf
morgen... Da, wo ich eigentlich hinwollte, habe ich - wahrscheinlich
dank verlängertem Feiertagswochenende - kein Zimmer mehr bekommen.
Also geht's morgen bis Vacheresse, was gefühlt eher 1,5 Tagesetappen
sind. Mal sehen, wann bzw. wie oft ich mich morgen dafür verfluchen werde...
Donnerstag, 17. Mai 2012
Unidyllische Flußwanderung.
Mittwoch, 15.05.2012
La-Roche-sur-Foron nach
Lucinges
8 h / 28 km
Gestern Nacht Sturm - und
die Drohung des Wetterberichts, daß es bis 800m runter schneien
soll. Entsprechend sorgenvoll tapse ich also am frühen Morgen zum
Fenster, um einen Blick auf das Hinterhofpanorama zu werfen. Wenn
man sich ein bißchen aus dem Fenster lehnt, kann man auch die Berge
sehen -- und es hat tatsächlich geschneit letzte Nacht. Nicht so
wild wie in meinen schlimmen Gedanken, allerdings schätze ich, daß die Schneegrenze jetzt bei ca.
1.200m liegt. Schön, daß ich in den nächsten Tagen so bei 1.500m
rumkraxeln werde...
Um den Tag etwas zu
würzen, habe ich mir einen großen Schlenker nach Osten ausgedacht.
Auf der Karte habe ich einen kleinen verschlängelten Wanderweg
entlang des Flusses gefunden. Aber ach - wenn man mal wieder nur halb
hinguckt. Der verschlängelte Wanderweg entpuppt sich als
dödelig aufgedonnerter Erlebnisweg zwischen allen erdenklichen
Unannehmlichkeiten hindurch. Vorbei an der Mülldeponie. An den
Abwasserklärteichen. An der Kläranlage. Am Tanklager. An
Schotterwerk Nr. 1. An Schotterwerk Nr. 2. Und dazu ausdauernd der
Sound der parallel laufenden Autobahn. Flußromantik sieht anders
aus. Das haben auch die örtlichen Gemeinden gerafft und haben den
Weg - mit einem ordentlichen Maß an ökologisch-pädagogischer
Chupze - zum interkommunalen Erlebnisweg hochgestuft. Mit Infotafeln
und so.
Ich treffe trotzdem nur 3
radfahrende Radfahrer und 4 im Schotterwerk Nr. 2 herumkraxelnde
Jugendliche. Der Fluß zieht lautlos in blaugrau an mir vorbei und
ist alles andere als lieblich. Einzig die Sumpflandschaft, durch die
der Weg sich am Ufer schlängelt, hat ab und zu ihre Reize.
Insofern bin ich froh,
als ich nach der letzten Autobahnunterquerung endlich dieses Tal
verlasse und Richtung offenes Land stapfe. In Loex halte ich auf
den Friedhof zu, und weil die Straße dahin zynischerweise "Allee
der Ruhe" heißt, setze ich mich erstmal neben dem Friedhof ins
Gras und lese ein bißchen. Über dem Feld flimmert die heiße Luft
in der Sonne und hier im Schatten ist es kalt wie im Winter.
In Bonne betrachte ich
voller Häme den kilometerlangen Stau auf der Landstraße, wo aus
Richtung Genf kommend alles nur rumsteht. Im Supermarkt kaufe ich mal
wieder viel zu viel ein (den altklugen Gedanken "Du wirst dich oben
in den Bergen in den nächsten Tagen darüber freuen, wenn du noch
was im Rucksack hast." verfluche ich gleich darauf wieder) und
mache mich an den Aufsteig zu meiner Unterkunft. Bonne liegt auf
500m, morgen geht es auf ca. 1.400m, also fand ich es klug, nicht
unten im Ort zu übernachten, sondern in einer Art Hotel auf halber
Höhe des Berges. Wenn ich heute Abend also noch ein paar Höhenmeter
wegarbeite, wird der Tag morgen entspannter. Kluger Kopf, allerdings
hatte ich den jetzt deutlich schwereren Rucksack nicht bedacht. Der
ächzt und quietscht bei jedem Schritt auf meinem Rücken. Diesmal
ächze und quietsche ich auch beim Aufstieg, aber die schöne
Aussicht auf die tiefstehende Sonne, in die Ferne und auf den nicht
nur kilometer- sondern wohl auch stundenlangen Stau auf der
Landstraße helfen doch irgendwie.
Ich freu mich auf morgen.
Mittwoch, 16. Mai 2012
Hamlet wartet schon am Bushäuschen.
Dienstag, 15.05.2012
Villy-le-Pelloux nach La Roche-sur-Foron
6,5 h / 26 km
Villy-le-Pelloux nach La Roche-sur-Foron
6,5 h / 26 km
"Wer im Autobahnhotel schläft, wird wahrscheinlich erstmal auf der Straße laufen müssen." Diese Nichtweisheit hämmert mir durch den Kopf, als ich die erste Stunde an der Landstraße entlang husche. Tonnenweise Verkehr rast auf die Autobahn zu und damit mir entgegen. Bei erster Gelegenheit biege ich in den Wald ab, auch wenn's anstrengend wird: Ein Stück parallel zur Autobahn, dann eine gute halbe Stunde querfeldein durch den Wald, bis ich unten im Tal wieder auf eine kleine ruhige Straße treffe. Das Heulen der LKW auf der Autobahn liefert den unromantischen Soundtrack dazu.
Ich lasse heute endlich mal den Kopf ein bißchen von der Leine und denke darüber nach, wie es eigentlich in den nächsten Wochen weitergehen soll. "Erstmal bis in die Schweiz, danach sehen wir weiter.", so war die grobe Planung bisher. In der Schweiz bin ich bald -- und dann? Gestern hab ich mich schon mal kurz auf die Wochen NACH diesem Urlaub gefreut, was ich dann als Nächstes machen kann. Heute freue ich mich statt dessen AUF diesen Urlaub.
Nach der lehrreichen Recherche-Aktion in puncto "Preise in der Schweiz" neige ich schwer dazu, nur einen kurzen Schlenker bei den Eidgenossen zu vollführen und mich ziemlich flott wieder nach Norden in Richtung Frankreich zu verdrücken. Das hätte vor allem auch den charmanten Nebeneffekt, daß ich mich nochmal im Jura rumtreiben kann, wo ich als Knilch schonmal Kajakfahren war. Und nachdem dieser Gedanke sich erstmal festgesetzt hat, sortiert sich plötzlich der Rest von alleine. Ach ja. Dann Schwarzwald (da war ich noch nie), quer rüber nach Franken undsoweiter.
Das Frühstück im Autobahnhotel heute morgen habe ich mir geschenkt. Zur Strafe laufe ich jetzt wie ein hungriger Tiger durch die Landschaft und suche was zu Futtern. Aber diese Pupsdörfer hier geben nix her. Kein Bäcker, kein Laden, keine Tankstelle. (Überhaupt: Wo tanken die Franzosen eigentlich? Ich sehe hier nur alle Jubeljahre mal Tankstellen?) Nach locker drei Stunden gibt es in Groisy endlich einen verzweifelten Dorfladen, wo ich für ein Baguette, eine Flasche Saft und eine Tafel Schokolade 8 EUR löhnen darf. Egal, eine Stunde Mittagspause auf der Bank vor der Kirche ist gesichert.
Es ist relativ kalt und windig, ich hätte eigentlich Lust, noch irgendwo im Gras zu liegen und zu lesen, aber länger als eine Viertelstunde halte ich das - trotz mehrerer Versuche - nicht aus. Also weiter... Mit jeder Stunde sind mehr Berge und mehr Felsen und mehr Schnee zu sehen, und irgendwann kurz vor La Roche taucht im Norden die große Bergkette auf, die ich übermorgen auf dem Weg zum Lac Léman in Angriff nehmen werde. Schnee liegt da netterweise nicht mehr, erst ab ca. 1.600m wird's weiß.
Mein Tageshighlight ist die Bushaltestelle von Fontaine Vive, an der sich die Dorfjugend ausgiebig in Schriftform verewigt hat. Mein Favorit: Der altkluge "bobcat", der mit Edding nicht nur ein ziemlich vorhersehbares Hamlet-Zitat auf deutsch an die Wand gezaubert hat, sondern auch einen Spruch, der mir irgendwie schon aus der Schule bekannt vorkommt. Sinngemäß: "Lerne um zu leben, lebe um zu lernen." Der Philosophiefreund "bobcat" wird in diesen 200-Einwohner-Dorf bestimmt eine tolle Jugend haben, vergleichen mit den Verfassern der restlichen Bushäuschen-Inschriften, die genau das sind, was man von normalen Bushäuschen-Inschriften erwartet.
La Roche brodelt vor Verkehr und Menschen, nur einen Supermarkt finde ich nicht. Beim ersten Bäcker gibt es nur Brot, sonst nix. Auch einen Metzger finde ich nicht. Ok, dann eben erstmal ins Hotel. Schräger Laden, sorgt aber beim Anblick eines richtig großen Bettes mit ordentlich kuscheliger Decke und einer Menge Kissen für deutliche Schlafvorfreude. Bei der zweiten Runde durch den Ort stelle ich fest, daß es hier sogar zwei Buchhandlungen gibt, die aber beide vollkommen nutzlos sind. In der ersten Buchhandlung verkauft eine verhuschte ältere Dame vor allem Kinderbücher, aber keine Wanderkarten. In der zweiten Buchhandlung verkauft ein verhuschter Herr auf zwölf Quadratmetern Ladenfläche Philosophietexte (bobcat?) und Lebensratgeber - aber keine Wanderkarten.
Egal. Ich finde doch noch einen Bäcker und ziehe mir ne kleine Quiche. Das Abendessen ist gerettet und von meinem Fenster aus beobachte ich versonnen die routiniert-gelangweilte Belegschaft des leeren Restaurants La Renaissance, wie sie wieder mal vergeblich auf Gäste wartet.
Dienstag, 15. Mai 2012
Für Monsieur L'Ombrage.
Guck mal. Stand heute einfach so am Straßenrand. Sieht aus wie eine flotte Alternative zum schwerfälligen Laufen... Aber vielleicht helfen ja 1-2 Steine weniger im Rucksack auch schon.
Seltsame Dinge in Frankreich. Teil 4.
Ein -- Pizzaautomat.
Das Ding spuckt eine Original Pizza Pepone-Pizza in nur 4 Minuten aus oder auch bis zu zwei davon in nur 5 Minuten. Aber halt, das ist noch nicht alles! Der hungrige (wahrscheinlich aber eher: der vollkommen verzweifelte) Kunde kann aus folgenden köstlichen Geschmacksrichtungen wählen:
Schinken/Käse (8 EUR)
3 Käsesorten (8,50 EUR)
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