Donnerstag, 3. Mai 2012

Simpsons überall.

Schön zu sehen, daß auch hier in Südfrankreich die Simpsons geguckt werden. Warum sonst sollte die Gemeindeverwaltung von Fauconnières eine Straße nach dem Mädchennamen von Marge Simpson benannt haben...

Noch 1x Laufen, dann kommt Monsieur L'Ombrage.

Mittwoch, 02.05.2012
Chabeuil nach Romans-sur-Isère
6 h / 27 km

Rein in die Stiefel. Die Mistdinger sind immer noch naß von vorgestern, ich spüre, wie sich die Socken in den ersten zwanzig Sekunden wieder mit Suppe vollsaugen. Herrlich...

Raus aus Chabeuil, auf mich wartet ein Straßentag im Rhônetal. Asphalt, Sonne und ebenes Land. Die schicke Altstadt von Chabeuil gibt sehr schnell den schönen Schein auf und nur 100 Meter weiter dünnt der Ort wie immer mit Autowerkstatt und Supermarkt in Richtung Route Nationale aus.

Das Land ist fruchtbar und weit, überall Bäume mit Kirschen, Äpfeln, Aprikosen, Oliven undwasweißichnochalles. Vor allem aber ist das Land stinklangweilig hier. Flache Erde, ein paar Bäume, Asphaltstraßen nach links und rechts. Berge und Spannung findeste woanders. Viele Häuser stehen zum Verkauf, ist ja auch kein Wunder. Im Westen der Flughafen von Valence, wo die kleinen Maschinen dröhnen und das französische Militär einen Hubschrauberstützpunkt unterhält, im Osten die TGV-Strecke, auf der alle 10 Minuten ein Zug donnert, 30 Kilometer im Süden sieht man noch die Kühltürme des Atomkraftwerks dampfen und im Norden... im Norden war ich noch nicht, aber da gibt es auch sicherlich Gründe, warum man hier nicht wohnen will. Im Katalog-Neubauhaus, das irgendjemand voller Hoffnung erst vor ein paar Jahren hier im flachen Niemandsland zwischen lauter Kleinstädten hingesetzt hat. Jetzt steht es leer, die geschlossenen Fensterläden und das fehlende Auto sind der Beweis dafür und der Rasen ist schon lange nicht mehr gemäht worden.

Eigentlich ist der Tag zu kurz, Monsieur L'Ombrage hat mit seiner Reiseplanung dafür gesorgt. Also heute nur bis Romans, der nächsten Kleinstadt, die ich wahrscheinlich hassen werde. Und bis dahin habe ich ja auch Zeit, noch ein paar Umwege zu laufen.

Außer sechs kleinen Wolken, deren Schatten der Wind träge über die Felder schiebt, habe ich die Sonne heute ganz für mich. In den Bergen im Westen: Wetter. Wahrscheinlich Gewitterwolken. In den Bergen im Osten: Wetten. Wahrscheinlich Regen. Nur über der Rhône-Ebene ist alles trocken und sonnig. Trotzdem bin ich froh, daß es morgen endlich wieder in die Hügel geht. Aber bis dahin kann ich mein neues Hobby Trainspotting noch schön ausdehnen. Auf jeder Brücke über die TGV-Trasse braucht man nur fünf Minuten rumstehen, schon kommt der nächste Zug angefaucht.

Romans ist erstaunlich nett, es gibt eine Innenstadt, hier leben sogar Menschen und es nicht sofort abschreckend. Das erschreckend günstige Innenstadthotel ist nicht - wie eigentlich erwartet - furchtbar, sondern nur günstig.

Am Abend gehe ich runter auf die alte Brücke, Monsieur L'Ombrage abholen. Richtig, ich habe ab heute einen rätselhaften Mitwanderer an meiner Seite. Das Phantom der Landstraße: Monsieur L'Ombrage. Er hat ein Jubiläumstörtchen mitgebracht, das ich als Geste zu würden weiß, die Realität allerdings präsentiert sich als labbriges Schokobrötchen mit Sprühsahne aus Genf. Wir trinken ein paar Biere, essen ein furchtbares Hack-Abendessen und landen schnell beim "Ach, wären wir doch heute noch ein paar Kilometer gelaufen...".
 
Das kann ja heiter werden die nächsten Tage...




Dienstag, 1. Mai 2012

Ach so: Kleines Jubiläum.

Ich hab es fast vergessen, im Regen fiel es mir auch etwas schwer, feierlich zu sein. Heute war mein 50. Tag unterwegs. Damit bin ich ungefähr so lange unterwegs wie bei meiner Deutschlandreise 2010 und auch die bisher zurückgelegte Strecke paßt: Ca. 1.200 Kilometer.

Eigentlich wollte ich ja beim Bäcker extra ein Törtchen mit einer 50 drauf bestellen, aber am Feiertag...

Sechs Stunden Regen gibt Suppe in den Stiefeln.

Montag, 30.04.2012
Loriol-sur-Drôme nach Chabeuil
8 h / 31 km

Wie waren nochmal meine Gedanken beim Loslaufen heute früh? "Perfektes Wanderwetter. Bedeckt, schön kühl." So waren sie.

Mit dem Picknick aus dem Supermarkt gleich hinter dem Hotel nehme ich die Schnellstraßenbrücke über die Drôme, in der Hoffnung, drüben am Flußufer einen schönen Plaz zum Frühstücken zu finden. Gleich neben dem Verkehrslärm geht ein kleiner Wanderweg runter zum Fluß und - zack - bin ich in der grünen Einsamkeit der Flußauen versunken. Neben mir rauscht die Drôme mit leichtem Hochwasser und einem sehr unleckeren weiß-gelben Farbton, als hätte jemand flußaufwärts tonnenweise Schwefel in den Fluß gekippt.

Links und rechts alles üppig grün, feucht und verwildert. Während ich auf einem schmalen Pfad durch das Unterholz ziehe, fängt es leise an zu regnen. Aber so richtig zufrieden bin ich mit den Sitzgelegenheiten am Wegesrand oder der gebotenen Aussicht nicht. Also weiter. Das frische Baguette im Rucksack wird schon noch ein bißchen brauchen, bis es naß wird. -- Eine halbe Stunde später regnet es zwar, aber ich finde einen schönen Platz neben einer kleinen Brücke, unter der ein starker Bach in die Drôme mündet. Daneben ein großer Felsblock mit perfekter Sitzhöhe. Da ist mir dann auch noch der Regen egal. Ich frühstücke zufrieden mein Frühstück, lasse mich von zwei geräuschlosen Joggern einen tierischen Schreck einjagen und schwenke drei Kilometer weiter wieder nach Norden, denn diese Etappe am Flußufer war zwar schön, aber für diesen Tag eigentlich die falsche Richtung...

Der Rest des Tages ist Asphalt, meistens kleine Straßen mit wenig Verkehr. Beim nächsten Regenschauer lege ich mir meine Jacke und meinem Rucksack die Regenhülle an und lasse mit dem Gedanken "Naja, da hinten kommt ja schon die nächste Husche..." die Montur auch gleich an. Daß die nächste Husche dann so an die sechs Stunden dauern sollte, stand allerdings nicht im Handbuch.

Erst stehe ich eine halbe Stunde an einer trockenen Stelle unter ein paar Eichen herum und vertreibe mir die Zeit mit dem Kanalbau für von der Straße vorbeifließendes Wasser. Aber irgendwann wird es mir a) langweilig und b) klar, daß es nicht sofort wieder aufhören wird. Ein paar Kilometer weiter sitze ich ein bißchen auf der Mauer eines Denkmals unter einer Kastanie rum, wo es auch noch recht trocken ist. Aber irgendwann erkenne ich auch c) daß vom Rumsitzen noch niemand angekommen ist. Also weiter. Als nächstes kommt ein Bushäuschen in Montoison, wo ich noch ein bißchen länger rumsitze, weil der Anblick des auf der Straße vorbeifließenden Wassers und die Lautstärke des auf das Plastikdach prasselnden Regens einfach zu frustrierend ist. Irgendwann haben die Pfützen auf dem Betonboden auch die letzte trockene Stelle verschlungen, ich werte das als Zeichen zum Aufbruch.

Das dürfte so ungefähr der Moment gewesen sein, ab dem alles egal war. Dann werde ich halt naß. Das wird schon wieder trocken. Mit dem Regen reden hilft auch nicht. Sich unterstellen ist auch Murks, da wird dir nur kalt. Weiter, weiter. Wenigstens ist mir durch die Bewegung einigermaßen warm und irgendwann kommt eher Galgenhumor durch. Toller Urlaub.

Neben mir sammelt sich langsam das Wasser auf den Feldern und bildet Seen, wo eigentlich keine sein sollten. Die Pfützen auf der Straße erstrecken sich jetzt gerne über die gesamte Straßenbreite, wenn das Wasser nicht sowieso als kleiner Fluß auf der Straße abfließt. Ich brülle Autofahrern hinterher, die mit Vollgas an mir vorbeibrettern und mich naßspritzen. Nicht, daß das einen Unterschied gemacht hätte, aber so hatte man wenigstens einen Schuldigen. 

Zwei Stunden vor meinem Etappenziel packt mich aber doch kurz die Verzweiflung. Will ich wirklich weiter in diesem Scheißwetter laufen? Es hört und hört nicht auf und immer wieder habe ich den Eindruck, daß er nochmal einen Zahn zulegt. Nie weniger, immer nur mehr. Als ich kurz nach Montmeyran von der Landstraße abbiege, um nicht mehr soviel Autos zu begegnen, laufe ich nach fünf Minuten doch wieder zurück. Vielleicht kannst du ja an der Landstraße als Anhalter dein Glück versuchen. Noch bevor ich wieder an der Kreuzung ankomme, fällt mir ein, daß mich in meinem Zustand sowieso niemand mitnimmt und ich wahrscheinlich den Frust der erfolglosen Trampversuche heute nicht aushalten könnte. Also drehe ich wieder um und laufe den Rest. Wird schon irgendwie gehen.

Der Spaß geht endgültig verloren, als ich merke, wie sich die Stiefel inzwischen so weit mit Wasser gefüllt haben, daß bei jedem Schritt die Suppe in den Stiefel ein quietschendes Geräusch macht. Goretex und Co. nützen ja nix, wenn das Wasser an den Beinen runter von oben in die Stiefel läuft... Als ich kurz darauf auch noch die schmerzende Stelle in der Kniekehle inspiziere und feststellen darf, daß mich die klatschnassen Shorts blutig gescheuert haben, reicht es mir dann doch. 

Scheuklappen hoch und weiter. Das einzige Highlight bleibt der optische Eindruck eines TGV, der eine imposante Gischfahne hinter sich herzieht, als er unter meiner Brücke durchfährt. Und natürlich die Tatsache, daß es genau zwanzig Minuten vor meiner Ankunft -- aufhört zu regnen...

Als ich bei der nur mittelgut gelauten Zimmervermieterin ankomme, merke ich erstmal, WIE naß ich eigentlich bin. Beim Aussteigen aus den Stiefeln kann ich deutlich ein gedehnt schmatzendes Geräusch hören. Nachdem ich erfolgreich alle Klamotten über dem Waschbecken ausgewrungen habe (und auch aus allen ordentlich was rauskam), breite ich alles so gut wie möglich zum Trocknen aus und freue mich darauf, daß ich morgen Pausentag habe. Ob die Stiefel allerdings trocken werden, wagt mein Bauchgefühl zu bezweifeln.

Scheißtag. Aber ich bin rückwirkend erstaunt, mit welcher Gelassenheit ich den Regen ertragen habe. Ich hab mich da auch schon unflexibler erlebt...

Montag, 30. April 2012

Ein technischer Tag.

Sonntag, 29.04.2012
Montélimar nach Loriol-sur-Drôme
7 h / 29 km

Auch wenn der Himmel heute früh noch dramatisch aussieht: Kurz nach meinen niedergeschriebenen Klagen und Sorgen über das Wetter hört der Regen auf. Die Wolken hängen immer noch monströs aus, aber auch der Wetterbericht sagt tatsächlich Sonne voraus. 

Vorher nochmal voller Abscheu durch Montélimar. Der Intermarché hat sich einen Spaß erlaubt und einfach mal die gefühlte Standardsortierung umgeworfen. Brot nicht vorne rechts sondern Ende links. Getränke suche ich lange, sie sind versteckt hinter den Non-Food-Haushaltswaren. Anscheinend geht es nicht nur mir so, gefühlt irren alle Kunden orientierungslos durch den Laden. Was die Sache aber irgendwie auch schon wieder schick macht. Ein hoch auf die unterschwellige Psychologie der Supermarkteinrichtungen.

Die erstmögliche Bank zum Frühstücken lehne ich ab. Genau wie ich die Törtchen im Supermarkt abgelehnt habe. Die zweitmögliche Bank nehme ich und frühstücke wegen meines Joghurt@Rucksack-Traumas gleich den ganzen gekauften Joghurt weg. Beim Weg aus Montélimar passiere ich den ersten McDonalds seit 5 Wochen.

Es ist ein warmer Tag, aber der Wind pfeift sauber von Süden durch das Tal. Die ersten zwei Stunden kann ich die vier Kühltürme des Kernkraftwerks aus allen möglichen Richtungen betrachten, wird davon aber auch nicht schöner. Warum die klugen Franzosen allerdings ausgerechnet aus dem Bergrücken hinter dem Kraftwerk einen Steinbruch gemacht haben, werden sie sicherlich selber am besten wissen. Clever ist allerdings, daß sie gleich neben die Autobahn die erste Lavendelfeldkulisse gepflanzt haben, quasi als Einstimmung für alle niederländischen Touristen auf dem Weg in die Provence. Und ich kann alle beruhigen: Ich sehe endlich auch mal ein deutsches Touristenauto...

Alle meine Befürchtungen in puncto Verkehrswege werden wahr. Der Tag sah schon auf der Karte scheiße aus und die Wirklichkeit riecht auch nicht nach Rosen. Links die Rhône, daneben schön sortiert ein Feldweg, die D248, die Route Nationale 7 und die Autoroute 7. Obendrüber unzählige Hochspannungsleitungen, kreuz und quer. Eigentlich bin ich den ganzen Tag nur damit beschäftigt, einen Weg zwischen diesen Verkehrswegen hindurch zu finden. Augen zu und durch.

Vorbei am Wasserkraftwerk, das mit seiner Leere drumherum aussieht wie ein modernes Tschernobyl. Kernkraft vier Kilometer flußabwärts, riesiges Photovolatikfeld gibt es auch gleich da drüben, Windräder am anderen Flußufer. Toll. Da haben wir unseren Energiemix ja zusammen. Hoch auf den Deich in Erwartung von Flußromantik, schnell wieder runter, weil der Wind das Wasser, die Wellen und die Gischt schneller stromaufwärts peitscht als ich laufe. Über die dreispurige RN7, wenigstens nochmal mit einem letzten Blick auf den bemalten Kühlturm, dessen Farben auch schon am Verblassen sind. Durch abgekoppelte modernde Überflutungsgebiete hinter den Deichen, die niemand mehr braucht und die auf Knopfdruck weggeknipst werden. Durch Zäune sortierte Landschaft: Zäune an der Bahnstrecke. Zäune an der Autobahn. Zäune überall. Mein einziges Highlight auf vielen Kilometern entlang dieser technischen Landschaft ist der Jogger, den ich offensichtlich zu Tode erschrecke, als ich knapp vor ihm unvermittelt seinen Weg von links aus dem Niemandsland nach rechts ins Niemandsland kreuze. Er revanchiert sich 20 Minuten später damit, daß er plötzlich unter der Brücke links auftaucht, wofür er hätte eigentlich durch den Kanal schwimmen müssen.

Hinter Saulce wird es netter, kleine Asphaltsträßlein durch kleine Hügel. Aussichten auf die bewaldeten Hügel drüben im Department Ardèche.Die Orte halten Sonntagsruhe. Alles zu, nicht mal eine Kneipe oder ein Tabac-Laden hat offen, in dem ich mir was zu Trinken oder ein Eis ziehen könnte. Kein Mensch zeigt sich auf der Straße, viel zu windig und ungemütlich. Ich finde den Wind gut, denn ich bin mir sicher, daß er es ist, der heute verhindert, daß es noch weiter geregnet hat. Schleierhaft bleibt allerdings, wo das ganze Wasser der letzten Nacht hin ist. Alle Bäche und Flüsse sind ausgetrocknet und modern nur leicht wabernd vor sich hin.

Ich lande in einem Hochsicherheitshotel mit geschlossenem Tor, das sich erst nach Anmeldung an der Gegensprechanlage ferngesteuert öffnet. Lächerlich. Ich verzichte geizig aufs Abendessen und freue mich auf morgen, wenn ich von der Rhône wegkann.

Gewitter.

Gestern Abend ist nach einer Stunde Musik unter Kopfhörern draußen die Stimmung gekippt. Und tief gefallen. Ich habe den warmen Wind, der aus dem Süden das Rhônetal heraufkam, als willkommene Kühlung mißverstanden. In Wirklichkeit war es der Vorbote eines Gewitters, daß schon die ganze Nacht hindurch seine Fracht über der Stadt ablädt. Abendessen gestrichen, Kino gestrichen, rausgehen ist plötzlich unvorstellbar bei dem Wetter. Durch das gekippte Fenster hört es sich so an, als würde Wasser in einem Hafenbecken an die Betonwand klatschen und im fahlen gelben Licht des Morgens sieht es auch ein bißchen so aus.

Die Nacht kein Auge zugetan. Minute um Minute angstvoll dem Regen gelauscht. Dem Wind, der um der Häuser zog und die heute Nachmittag noch so volle Flaniermeile leerfegte. Im Bett rotiert. Immer wieder aufgestanden, um die aufgewühlten Pfützen auf dem Parkplatz im blauen Licht des Hotelschildes zu betrachten. Jede stille Minute, in der Wind und Regen nachließen, als gutes Zeichen geglaubt und jedesmal, wenn beide zurückkamen, wieder hilflos am Fenster gestanden. Diese Nacht hatte nichts Erholsames, dieses Gewitter nichts Reinigendes, das Geräusch des Regens vor dem offenen Fenster nichts Beruhigendes.

Der Gedanke, bei so einem Wetter loszulaufen, ist monströs. Ich wäre nach 10 Minuten klatschnaß und würde es den ganzen Tag über bleiben. Ich versuche das Maß an Überwindung anzuwiegen, das dazu nötig wäre und ordne es irgendwo bei "mit offenen Augen gegen eine Mauer laufen" ein.

 

Sonntag, 29. April 2012

Über den Fluß.

Samstag, 28.04.2012
Saint-Jean-le-Centenier nach Montélimar
7 h / 27 km

Aufgewacht von dem Geräusch von irgendwas, das im Dunkeln durch das offene Fenster in mein Zimmer springt. Während ich im Hochschrecken nach dem fremden Lichtschalter taste und rumore, springt es wieder raus. Auf dem Vordach vor dem Fenster keine Spur, wahrscheinlich eine Katze. Den Rest der Nacht wälze ich mich durch die Stunden.

Ich breche auf in ein warmes Wochenende, begleitet von dem Geruch von Sonnencreme auf meinen Armen. Beim Check-Out große Augen und interessierte Fragen, zum ersten Mal seit Längerem. Im Schatten hinter dem Hotel ziehe ich den Rucksack enger, schaue nochmal in die Ferne und atme lächelnd tief durch. Mit Blick auf die Karte wundere ich mich immer noch, daß es außer der Route Nationale keine einzige Straße und keinen einzigen Weg nach Osten gibt. Als ich die RN an derselben Stelle wie gestern Abend wieder überquere, ist der ganz kurze Gedanke, doch auf der Straße zu gehen, sofort wieder verpufft. Unmöglich. Als winzige Fliege zwischen all den Autos und 40-Tonnern. Also nach Süden.

In den Hügeln finde ich neben der nächsten Toskana-Postkarte einen Wegweiser, der ungefähr in meine Richtung geht, und schlage mich durch. Vorbei an leeren Ferienhäusern. Vorbei an dem Mountainbiker, der mich tierisch erschreckt. Vorbei an der örtlichen "4x4 im Alltagsfahrzeug"-Gruppe, die witzelnd auf den Hügeln und Kämmen motorsägend und zaunsetzend an den Wegen arbeiten. Runter nach Alba-la-Romaine, wo das Dorf auf ein Volksfest wartet und die Kaffeeseligkeit der Touristen mir reflexartig auch nur die kleinsten Gedanken von "hinsetzen und was trinken" vertreibt. Während ich durch das Dorf ziehe, hält mich nichts auf. Nur weiter. 

Auf denn nächsten Höhenzug sitze ich eine halbe Stunde auf einem Steinhaufen, hänge mein nasses Hemd in den Busch und mich in den Wind. Hier ist wieder alles menschenleer, nur eine gute Stunde später komme ich an einem einsamen Bauernhof vorbei, in dem noch jemand wohnt. Ein paar Ziegen, ein Wellblechdach über einem noch nicht eingestürzten Teil des uralten Steinhauses, ein klappriger Citroen-Kleinwagen. Der rostige Briefkasten ächzt dazu im Wind. 


Ich will die Rhône sehen. Der einzige französische Fluß, den ich hier unten schon vorher - wenigstens vom Namen her - kannte. Die einzige Landmarke, deren Überquerung ich in dieser mir vorher so fremden Ecke einordnen kann. Das Erste, was ich vom Rhônetal sehe, sind Strommasten. In allen Größen und in alle Richtungen. Danach eine wabernde Masse von Häusern und Siedlungen, durch die ich mich in den nächsten Tagen kämpfen muß und dann davor: Der Fluß. 

In Le Teil kaufe ich beim kämpfenden Dorfladen was zu trinken. Die örtlichen Händler haben eine Kampagne mit dem Slogan "Ich kaufe in Teil!" gestartet, um die Kunden an etwas zu erinnern, was anscheinend seit Jahren sowieso niemand tut. Der Ort ist schon lange ausgeblutet und das einzig Bunte hier sind die gelben Nummernschilder der niederländischen Kennzeichen, die zuhauf auf dem Weg von oder in die Provence hier durchfahren. Die Leuchtreklame der Apotheke zeigt 29° an, die des Optikers 27° und ich preise den Wind, der das einigermaßen erträglich macht.

Mit einem Stück Pizza vom Bäcker sitze ich vor der Rhônebrücke auf dem leeren Platz vor der örtlichen KFZ-Prüfungsstelle, der von den Tauben zugeschissen und vom Verkehrslärm zugedröhnt ist. Ich hab nicht aufgepaßt und ein Pizzastück mit Muscheln erwischt, die durch die Theke ein bißchen wie Pilze aussahen. Frustriert probiere ich einen Bissen, könnte fast kotzen vor Ekel und schmeiße die Bäckertüte in den nächsten Mülleimer.

Auf der Brücke ein kurzer Stich ins Herz: Ich verlasse Ardèche. "À bientôt" steht auf dem Schild, in diesem Fall nehme ich es wörtlich. Mit einem Mal wird mir bewußt, wie verwöhnt ich die letzten Tage von Landschaft und Bergen und Dörfern war, vor mir liegt eine häßliche Kleinstadt und die nächsten Tage werde ich wohl im Wesentlichen damit verbringen, im Rhônetal, wo sich der Verkehr kanalisiert, die großen Hauptstraßen zu umgehen. Das schmutziggelbe Wasser des Rhône-Seitenkanals rauscht schwefelig unter der Brücke durch, im Hintergrund dampfen die Kühltürme des Kernkraftwerks. Hart am Rand der Straße durch unbarmherzigen Verkehr, hier geht niemand zu Fuß. Durch blätternde Vorstädte, in denen die Stadt den Einfamilienhäusern links der Straße eine Lärmschutzmauer spendiert hat, den Wohnblocks rechts der Straße statt dessen einen Basketballplatz mit Gitterzaun. Kurz hinter dem Bahnhof plötzlich ausgelassene Wochenendstimmung im Park, die ganze Stadt scheint auf den Beinen und flaniert. Und streichelt stinkende Streichelzootiere. Alle sind da, alles ist da. Ich fühle mich dabei heute nur fehl am Platz.

Ich finde das Hotel, schließe mich sofort im Zimmer ein und sperre erstmal die Sonne aus.

Samstag, 28. April 2012

Zurück in der Landstraßensonne.

Freitag, 27.04.2012
Mercuer nach Saint-Jean-le-Centenier (oder besser: Route Nationale 102)
7 h / 28 km

Beim Frühstück sitzen sie schon, die wartenden Massen und ich holpere ihnen in meinem Kleinfranzösisch die Kurzversion meiner Urlaubsbeschäftigung hin. Gott sei Dank hält das nur für ein paar Minuten und danach darf ich während ich mein Marmeladenbaguette kaue das tun, was ich am liebsten mache: Französischen Konversationen zuhören. Und zusehen.

Die "petite randonée" beginnt gleich vor der Haustür. Hier ist schon sehr lange niemand gegangen. Auf dem pittoresken kleinen Weg zwischen den Feldern durch wächst inzwischen mannshoch das Gestrüpp, ich pflüge mich die ersten paar hundert Meter bis zum Hang rückwärts mit dem Rucksack voran durch den grünen Filz.

Aubenas ist häßlich und laut und riecht. Gut, ich rieche sicherlich auch, wie ich an dem respektvollen Abstand der Warteschlange in der Bäckerei mal wieder vor Augen geführt bekomme. Dabei habe ich erst vorgestern das Hemd gewaschen... Boulangerie / Pâtisserie heißt Chance auf Törtchen und trotz gutem Frühstück muß ich zugreifen. Wie ein Fuchs mit heimlicher Beute im Maul laufe ich mit der Törtchenschachtel durch Aubenas und suche einen schönen Platz zum Futtern. Als ich an dem angepeilten Fußweg den Hang runter ankomme (an dem man doch mit Sicherheit auch eine Parkbank vermuten darf), steht oben schon eine Oma mit Hund und guckt und staunt. Mich an. Sie muß sich sogar mit der Hand die Sonne abschirmen, weil sie es nicht glauben mag, daß da einer mit Rucksack... Was mir sowas von egal ist.

Auf der anderen Seite der Ardèche verlaufe ich mich am Flußufer, irre über den Hinterhof eines VW-Händlers und scheitere an diversen Eisentoren, laufe ziellos über die große Wiese und frage schließlich über den Zaun hinweg eine Frau, die gerade in ihrer Einfahrt ihre Einkäufe aus dem Auto lädt, wie ich auf die Straße komme, die nur 20 Meter hinter ihr breit und offen daliegt. Ach, da links und da über die Brücke und dann beim Sportplatz. Ob ich nicht einfach durch das Türchen hier in ihrem Zaun? Non, c'est fermé. Na, danke.

Kurz darauf kriege ich trotzdem, was ich will. Nachdem ich keine Lust habe, heute den ganzen Tag an der Straße entlang zu laufen, suche ich abenteuerlustig weiter nach kleinen Pfaden am Fluß entlang und werde schwer fündig. Hinter einem dunklen Torbogen aus Stein tut sich eine helle Gartenlandschaft auf, neben einem kühlen kleinen Parallelkanal zur Ardèche ziehen sich fast zugewachsene Wege durch Bambuswäldchen, an Gärten vorbei und überall surren die Insekten. Ich genieße, stehe zwar am Ende wieder auf der Straße, aber mit 2 Kilometern Genuß im Bauch.



Ein paar Kilometer weiter die Straße runter ändert sich das Bild. Ich klettere auf eine steinige Hochebene, deren Pflanzen man ansieht, daß da im Sommer nicht viel Wasser zu holen ist. Es gibt einen Wegweiser, wo ich keinen vermutet hätte und bei allem Übermut folge ich erstmal dieser Art Pfad da drüben, den ich für richtig halte. Durch Unterholz und kleine Bäume und überhaupt alles, was einem die Orientierung nimmt. Zehn Minuten später sagt mir mein Bauchgefühl, daß das nicht gutgeht. Nochmal zehn Minuten später bin ich soweit, daß ich umdrehe und in dem Moment des Umdrehens verliere ich prompt die Orientierung. Ich preise dem Umstand, daß ich seit Wochen meinen Kompaß nutzlos mit mir rumschleppe und suche mir einen Weg zurück. Als ich die Straße und das erste Auto höre, ist es wieder ganz einfach.

Danach folgen viele kleine Täler, die ich alle durchqueren darf. Eines ist frühlingshaft grün und saftig, das Nächste ist staubig-grau, dahinter kommt wieder die Toskana-Postkarte mit Weinbergen und Obstbäumen und zum Schluß das Tal mit den Fröschen, die ich noch fast einen Kilometer weiter Alarm schlagen höre. Es folgt das Tal mit den häßlichen Neubauten und dann die Straße, ab der ich wieder auf der Straße gehen muß.

Die D459 ist heiß und windstill und meine Wasserflaschen sind schon lange leer. Seit gestern endlich schwitze ich wieder in der schattenlosen Landstraßensonne und bin immer noch fassungslos, daß es tatsächlich warm ist. An der großen Kreuzung, wo meine Karte mir sagt, daß ich irgendwie komisch abbiegen muß, gibt es an der Route Nationale eine Art Rasthof, ich renne darauf zu, gebadet in Schweiß, reiße zwei kleine Flaschen Cola aus dem Kühlschrank, könnte den Typen vor mir, der zwei Lottolose kaufen und für zwölf Lottolose plaudern will, vor Zeugen erwürgen, zahle meine Cola, stürze nach draußen, ringe mir noch zwanzig Sekunden bis zum nächsten Picknicktisch ab, werfe meinen Rucksack auf den Boden -- und setze mich hin. Lasse den Wind über das nasse Hemd blasen. Trinke den ersten Schluck und werde ganz ruhig.

Die letzte halbe Stunde suche ich mein Hotel, das sich zwischen Schnellstraßenauffahrten und Hügeln versteckt, aber das ist egal. Die kalte Cola hat dafür gesorgt, daß alles ab jetzt nur noch Bonus ist. Oben an der Kreuzung treffe ich den Bauern mit seinem alten Traktor wieder, den ich vorhin im Weinfeld gesehen habe. Wir erkennen uns an einem kurzen Nicken und Verziehen des Mundwinkels. Und über ein Stück vergessene Straße, die früher mal den Glanz der Route Nationale getragen hat, bevor die neue Straße gebaut wurde, finde ich - stilecht über den Personalparkplatz - mein Hotel, auf dessen Gästeparkplatz kein einziges Auto steht.

Alles was ich will, ist meine Arme und meinen Kopf unter kaltes Wasser stecken. Die Dusche und das offene Fenster tragen dafür Sorge, daß ich mich von einem laufenden schwitzenden Wesen wieder in einen Menschen verwandele, später fühle ich mich sogar bereit für ein Abendessen. Gehobener Standard. Fernstraßenhotel, aber sehr gut gemacht. 

Draußen rauschen lautlos die Autos auf der vierspurigen Nationalstraße vorbei. Wo wollen die alle hin? Warum sind die alle so schnell? Bin ich noch einer von ihnen?

Ich belächele die Armada der weißen Autos auf dem Hotelparkplatz, habe Mitleid mit dem gebügelten Kind, das sich zu benehmen weiß, das mit seinen furchtbaren Eltern, für die es sich eines Tages schämen wird, aus dem weißen X3 aussteigt und wünsche mir nichts sehnlicher, als irgendwo draußen alleine in der Dämmerung zu sitzen.

Und plötzlich ist der Gedanke da. Der, auf dessen Erscheinen ich schon ganz still gewartet habe. Und danach? Wie zurückgehen in ein Leben, dessen Einzelteile ich zwar vermisse, dessen Gesamtheit aber tagtäglich in tausendfacher Ausführung an mir vorbeirauscht und mir nur noch Befremden oder Ironie entlockt? Wie einfach nach Hause kommen und alles weiter wie vorher? Die Größe dieser Frage nimmt mir die Ruhe und ich bin froh, daß es draußen dunkel ist und ich die Autos nicht mehr sehen muß und daß mein Essen aufgegessen ist und ich alleine in mein stilles Zimmer gehen kann. Meine Schritte werden vielleicht irgendwann eine Antwort finden. Draußen zirpen die Grillen.

Freitag, 27. April 2012

Für Otti.

Ich bleibe vorerst bei der Pickup-Idee. Opa hat ihn ein paar Minuten, nachdem ich vorbei war, zum Laufen gebracht. Ich konnte ihm noch lange dabei quer durchs Dorf zuhören. Rund, laut und lecker.


Für Monsieur Müller.

Den auch, oder?


Zurück in die Zivilisation.


Donnerstag, 26.04.2012
Sanilhac nach Mercuer
6 h / 24 km

Beim Weg über die Straße zum Frühstück wartet schon der Hotelhund auf mich und fordert erstmal Aufmerksamkeit. Soll er kriegen... Im Frühstücksraum wartet Dampf, denn der Eierkochautomat kocht fleißig vor sich hin und verströmt ein gut gemeintes Aroma von Essig, das jemand gegen Kalkablagerungen in den Eierkocher gepackt hat. Aber immerhin: Mein erstes Frühstücksei seit Wochen. Und Obstsalat. Und Joghurt zum Niederknien. Das wird ein guter Tag.

Sanilhac ist ein hübsches kleines Dorf, wie ich es inzwischen schon unzählige Male gesehen habe und von dem keine Erinnerung bleibt. Nichts außer einer Kirche, einem Briefkasten und einem kleinen Rathaus, in dem irgendwas verwaltet wird, worum sich sonst niemand kümmert. Im Tal dahinter ein geschlossener Campingplatz und der Geruch von langsam vor sich hin kohlendem Gestrüpp, das die Rentner hier gerade in ihren Gärten verbrennen. Vorbei an Weinbergen und Kastanienplantagen. Vorbei an der "Châtaigneraie", meiner zweiten Übernachtungsoption für letzte Nacht, die ich nicht weiter in Erwägung gezogen hatte, weil ich unbedingtunbedingtunbedingt in der Aussichtsherberge absteigen wollte. Jetzt ärgere ich mich. Die Châtaigneraie ist ein imposanter Steinbau oben im Tal, mit genauso schöner Aussicht und halb so teuren Zimmern. Als ich den kleinen Weg an ihrem Parkplatz vorbeigehe, erwischen mich die zwei Haushunde und wollen aber nach zwei Minuten bellen doch wieder nur schmusen. Die Besitzerin schaut aufgeschreckt über die Mauer der Kastanienbude, entschuldigt sich für die Hunde und fragt, wo ich hin will. Als ich mich vergewissern will, ob der Weg wirklich hier quer über den Parkplatz geht, winkt sie mich schnell rein und versorgt mich mit einer vergrößerten Kartenkopie, in der quasi ein kleiner Geheimweg zwischen den Weinbergen hindurch nach Montréal beschrieben ist. Jetzt ärgere ich mich richtig, daß ich nicht hier übernachtet habe...


Der Weg schlängelt sich auf schmalen Fußpfaden durch die Weinberge, vorbei an einzelnen Häusern und Waldstücken. Ständig muß ich stehenbleiben und bewundere die Aussicht bzw. beäuge insgeheim neidisch die schönen Steinhäuser mit ihren riesigen Terrassen, auf denen man sicher abends schön bei einem schwer alkoholischen Sommergetränk das Panorama genießen kann. Bei vielen Häusern geht mir - wie in den letzten Tagen immer wieder - der sehnsuchtsvolle Satz "Kann ich hier bitte wohnen?" durch den Kopf.

Auf dem Weg nach Montréal dreht die Natur dann vollends durch. Hier unten ist der Frühling schon fast wieder durch. Ich sehe blühende Orchideen, die Kirschbäume haben schon fingernagelgroße grüne Früchte an den Ästen, und überall hört man die Hummeln und Bienen. Das Château lasse ich links liegen und steige nach Largentière ab, beobachte dabei noch, wie sich ein Kühllaster und ein Peugeot Kombi konspirativ auf dem Parkplatz treffen und dem Kühllaster dabei quasi ein paar Styroporkisten Ladung von der Ladefläche direkt in den Kombi fallen.

Largentière macht einen bitteren Eindruck: Ein Gewirr von Tunneln und Brücken und Viadukten und Röhren. Das Erste, was ich von dem Ort sehe, ist die Gendarmeriestation, ihr Funkmast und ein für dieses 2.000-Einwohner-Kaff recht stattliches Kleingefängnis. Am Supermarkt laufe ich unbegreiflicherweise vorbei, ohne einzukaufen. Am Bäcker laufe ich gedankenlos vorbei, ohne nach Törtchen zu gucken. An allen Cafés laufe ich schnurstracks vorbei, ohne mich zum Mittagessen hinzusetzen. Die historische Altstadt hake ich ab, ohne die angemessene Anzahl von Fotos zu machen. Dem Château gönne ich nur noch einen kurzen Blick von der Hauptstraße aus.

Als ich durch den Ort durch bin, weiß ich plötzlich wieso. Das war die erste richtige Kleinstadt mit Autoverkehr, Läden und Fußgängern seit einer Woche. Nach der Leere und der Stille der Berge war zum ersten Mal wieder konstanter Verkehrslärm zu hören, mußte ich zum ersten Mal wieder auf einem Bürgersteig statt einfach auf der Straße laufen und plötzlich bin ich froh, daß ich durch Largentière einfach durchgeschlüpft bin.

Das Glückskind findet statt dessen kleine Pfade und Treppen durch die Hanggärten hoch nach Chassiers. Das Wetter ist richtig schön geworden, manchmal scheint sogar die Sonne. Nur beim Blick zurück in Richtung Berge, wo ich hergekommen bin, sieht alles nach Weltuntergang aus. Die letzten Stunden bis zu meiner Bauernhofunterkunft ein paar Kilometer vor Aubenas ärgere ich mich nun doch ein bißchen, daß ich mir nichts zu Essen besorgt habe, denn die gute Wirtin hatte am Telefon schon klargemacht: Zimmer gerne, Abendessen non. Wenigstens hatte ich Zeit, mich darauf einzustellen und spare mir die letzten zwei KitKat als Abendessen zum Leitungswasser auf.

Der Hofhund empfängt mich schon auf einen halben Kilometer mit imposantem Bellen, hat aber bei genauerem Hinsehen doch nur tierisch Schiß und braucht sehr lange und viel gutes Zureden und das Ablegen von Rucksack und Mütze, um sich endlich zum Streicheln in die Nähe zu trauen. Nachdem ich erstmal bei den kaffeetrinkenden Nachbarinnen in den Wintergarten gestolpert bin, kommt der Wirt lachend um die Ecke und holt mich da raus. Zur Begrüßung gibt es - aah - ein kaltes Bier für mich und ihn und ich gönne ihm sofort, daß heute alle seine Zimmer ausgebucht sind. Später muß ich ihn allerdings dabei belauschen, wie er alles und jedem auf dem Hof meine Geschichte erzählt. Das kann ja heiter werden morgen beim Frühstück...

Und Abends: Ein jähes Geschenk! Im Dorf gibt es wohl eine Dorfpizzeria, die ich in einem Nebensatz der Wirtin entdecke. Und tatsächlich: Obwohl alle Stühle auf der Terrasse zusammengestellt sind, hat die Pizzeria doch netterweise ein paar leere Flaschen auf die Tische gestellt, um zu signalisieren, daß geöffnet ist. Ich bestelle Salat und Pizza -- alles andere auf der Karte würde man wohl in keiner Dorfpizzeria essen wollen. Dazu Bier. Nichts ist besser als ein warmes Abendessen, wenn man damit gerechnet hat, hungrig ins Bett gehen zu müssen. Ich beobachte noch ein bißchen den Kellner hinter dem Tresen und rätsele, welchem Beruf er wohl im echten Leben nachgeht und muß aufpassen, mich nicht beim Starren erwischen zu lassen.

Auf der Viertelstunde Weg zurück zu meinem Bauernhof schaue ich den Schatten der Hügelketten zu, wie sie über letzten Häuser am Hang hinwegwandern und schließlich das ganze Tal in die Stille sinkt. Der Wind treibt Fetzen von Sommergerüchen an mir vorbei und plötzlich fühlt sich alles an wie ein etwas zu kühler Abend Anfang Juni.

Kastanienwälder.

Mittwoch, 25.04.2012
Valgorge nach Sanilhac
7 h / 21 km


Der Vorteil an Épicerien: Man kann eben mal schnell am Arsch der Welt was Einkaufen. Der Nachteil: Es kostet dich dein ganzes Geld. Für eine Flasche Orangina, eine Schachtel Kekse und eine Tafel Schokolade knöpft mir das lustlose Ding hinter dem Tresen des einzigen Laden von Valgorge über 8 EUR ab. Der Wanderer seufzt und genießt den Luxus.

Ich hab mir heute die harte Variante ausgesucht -- warum, weiß ich auch nicht mehr. Zum Frühstück gibt es 500 Meter Aufstieg und es dauert keine halbe Stunde, bis der Schweiß kocht und ich den Rucksack hinschmeiße und die lange Hose gegen die Shorts tausche. Überall Wühlspuren von Wildschweinen, überall Kastanienbäume. Bergauf vorbei an eingestürzten Häusern mit dem Gefühl, daß hier schon sehr lange niemand mehr gewesen ist. Oben am Forstweg wird's wieder gemütlich. Es geht zwar immer noch bergauf, aber ich habe die Hände locker in der Hosentasche und außerdem Aussicht.


Eine Stunde später am Sommet de l'Abitarelle kann man noch viel besser auf die an das Tal anschließende Hügellandschaft gucken und während ich gucke, sehe ich dahinter --- die Alpen. Ganz hinten im Nordosten sieht man schneebedeckte Berge wie eine Mauer nebeneinander aufgereiht. Ich stehe lange und gucke und staune und wundere mich, wie sehr Entfernungen zusammenschnurren können. All das sieht so nah und nach mal eben aus, wird aber noch mindestens 10 Tagesmärsche kosten. Es wird kalt im Wind, ich reiße mich los und steige ab ins Tal.

Auf dem Weg nach unten wird immer deutlicher, warum das hier das große Kastanienland mit Kastanienfest, Kastanienlikör und Kastanienmaskottchen ist. Kastanien überall. Im Wald zwischen den Tannen. In alten verlassenen Gärten und ehemaligen Plantagen am Hang. In den Dörfern. Uralte Bäume, manchmal zu bizarren Gebilden verdreht und von jungen Schößlingen umringt. Baumskelette, von Blitzen und Bränden verzehrt, aber immer noch voller Leben und mit frischen Trieben und Blüten an den Spitzen. Der Weg schlängelt sich wieder auf alten Pfaden zwischen den Gärten und Häusern durch, hinter La Roche laufe ich durch riesige Kastanienhaine mit alten Bäumen, ein Schäfer treibt gerade seine Herde hindurch und die Idylle ist perfekt.

Wieder im Zeitraffer vom Winter zum Frühling. Am steilen Hang auf dem Abstieg zur Brücke über die Baume duftet und grünt es in allen Ecken und Spalten. Ich lasse mich ablenken und stolpere ein paar Mal ekelig auf dem losen Geröll und ich spüre die zusätzlichen Kilos des Rucksacks zu meinem eigenen - durchaus ausreichenden - Gewicht. Jeden Schritt prügelt sich in die Knie und Gelenke. Und unten an der Brücke das alte bittere Spiel: Nur kurz über den Fluß und sofort wieder hoch. Ich hatte vor lauter "naja, der Tag wird nicht so lang" gar nicht richtig auf die Karte geguckt, was für ein saftiger Anstieg mich erwartet. Geradeaus auf dem Kamm auf den Tour de Brison zu, ein Turm auf dem Gipfel. Sofort nach der Brücke verirre ich mich erstmal in den Schafspfaden und kraxele in die vollkommen falsche Richtung. Der richtige Weg ist allerdings auch nicht viel besser. Die erste halbe Stunde geht es steil bergauf, ich quäle mich auf allen Sechsen die Felsen hoch. Mit dem Rucksack ist das echte Knochenarbeit. Norwegischer Aufstieg: Geradeaus den Hang hoch, keine Serpentinen. Wo auch? Links und rechts fallen die Hänge steil in dicht bewaldete Täler ab und über allem thront und grient der Turm, der trotz aller Quälerei nicht näher kommt.

Ich treffe auf Ruinen von kleineren Nebentürmen, die den Tour de Brison im 12. Jahrhundert bei der Überwachung der umliegenden Ländereien und ihrer Minen unterstützt haben. Auf endlose Steinmauern auf dem steilen Kamm. Auf Regen, der mich von hinten einholt. Und zu meiner Überraschung auf gut zehn Rentnerinnen und Rentner, die mir am steilsten Stück entgegenkommen. Ich kann sie schon ein paar Minuten vorher hören, das helle Klack-Klack-Klack ihrer Wanderstöcke auf den Felsen verrät sie. Ich grüße freundlich und wünsche ihnen im Stillen viel Glück beim Abstieg auf den nassen Felsen.

Im Regen finde ich ein trockenes Plätzchen. Ein großer Felsen hinter mir hält den Wind ab, ein großer Baum über mir den Regen. Ich esse meinen letzten Apfel und ein Stück Schokolade und bin froh, für ein paar Minuten einfach nur in den Regen und in die Wolken zu gucken.

 Oben angekommen, versaut mir der scharfe Wind den größten Teil der Belohnung. Zwei schnelle Fotos, drei schnelle Blicke in die Ferne, das muß reichen. In den Bergen im Westen ist alles dunkelgrau und wolkenverhangen, weit im Osten über dem Rhônetal reißen die Wolken langsam auf, dahinter leuchtet dramatisch die Wolken über den dunklen Schatten der Bergketten. Ich fühle mich hier oben schutzlos und verloren, ziehe den Rucksack enger und mache mich an den Abstieg.






Nur noch eine kleine Stunde und ich stehe vor dem Hotel, das ich mir schon in meinen Notizen als besonders gekennzeichnet habe. Ich hatte es auf Google Streetview gesucht, weil ich nicht sicher war, ob es wirklich existiert (Stichwort für Google Streetview: "auberge de la tour be brison, sanilhac"). Und beim Schwenken der Ansichtsrichtung knallte mir ein Panorama ins Gesicht, das sich eingegraben hat. Die Realität ist besser. Ich biege ab auf eine kleine Straße, auf der bis zum nächsten Morgen genau zwei Autos fahren werden, laufe ein Stück Straße entlang, das ich schon kenne und muß mir erstmal ein paar Minuten die Aussicht anschauen, bevor ich mich dem schmusebedürftigen Hund vor der Eingangstür widme und dann endlich ankomme.


Eigentlich ist mir der Laden ein bißchen zu teuer, aber beim Abendessen merke ich, daß mir jede Ausrede recht gewesen wäre, um einfach nur mit einem Glas Wein im Warmen zu sitzen und die langsam im Dunkel versinkenden Berge anzusehen. Ich denke an diesem Abend oft darüber nach, welche Landschaften mich mit ihren Extremen bisher so fasziniert haben wie die Ardèche. 

Viele sind es nicht...