Freitag, 8. Juni 2012

Klassische Gipfeltour mit 800 Begleitern.

Donnerstag, 07.06.2012
Schauinsland nach Alpersbach (Hinterzarten)
6 h / 24 km

Früh los, raus in eine menschenleere Fußgängerzone. Das Frühstück habe ich mir geschenkt, irgendwie war ich noch nicht richtig bereit dafür. Und an der Straßenbahnhaltestelle bin ich auch froh darüber: Ich erwische die allerletzte Tram, die Richtung stadtauswärts fährt, bevor die Innenstadtlinien ihren Verkehr für die Fronleichnamsprozession erstmal einstellen. Hätte ich in Ruhe gefrühstückt, hätte ich am Ende zu Fuß aus der Innenstadt rauslaufen müssen... Bien fait, Monsieur!

Oben auf dem Schauinsland ist es wieder herrlich kalt, aber die Wolken sind weg und heute -- heute sieht man endlich mal was. Aber: Ich muß ja unbedingt an einem Feiertag die klassische Schwarzwaldtour "Schauinsland - Notschrei - Stübenwasen - Feldberg" machen. Noch in der ersten Stunde zähle ich schon über 60 Wanderer / Spaziergänger / Ausflügler und höre frustriert auf zu grüßen. Macht ja eh keiner außer mir freiwillig... 


Wenigstens fängt es wenig später an zu regnen, das treibt die Ausflügler vielleicht in die zahlreich verfügbaren Gasthäuser. Ich aber ziehe weiter, denn ich habe zwar Bärenhunger, will mir ebenjenen aber bis zum Raimartihof aufsparen, ein vielempfohlener Berggasthof. Eigentlich ein Tag zum Hassen, aber ich setze schnell meine Scheuklappen auf, wusele mich mit zügigem Tempo durch tonnenweise Wanderer und Radfahrer, lasse den Feldberg Feldberg sein und gucke ihn mir nur von unten an, denn was erwartet mich wohl oben? Seilbahntourismus. Siehe Illustration rechts. (Nur gut, daß ich heute früh selber mit einer Seilbahn aus Freiburg hochgefahren bin, da kann ich mir ja schön selber an die Nase fassen.)

In meinem Rucksack stecken tonnenweise Getränke, die ich heute nicht anrühre. Und gestern noch auf den letzten Drücker eingekaufte Leckereien, die ich heute verschmähe. Mir steht der Sinn nach Anderem! Auf dem letzten Stück vom Feldberghaus runter zum Feldsee treffe ich auf einer Wegstrecke von 1,4 Kilometern auf sage und schreibe 89 Leute. Aber ich habe alles gut abgepaßt, das sind die Mittagsgäste, die gerade im Raimartihof gegessen haben und die sich jetzt die Beine vertreten wollen. Als ich im Biergarten ankomme, herrschen sehr entspannte Platzverhältnisse. Ich werfe meinen Rucksack draußen an einem freien Tisch ab und gehe rein, bestellen! Mit Ausrufezeichen!

Ich bestelle eine kleine Erbsensuppe und ein Paar Bratwürste, ein Spezi für den Durst und - ja, geht schon wieder - ein Radler. Die Küche braucht ein paar Minuten, voller Entsetzen stelle ich fest, daß von den Portionsgrößen ganze Familien satt werden würden und als ich mein Tablett nach draußen schleppe, denke ich erstmal an "Verstehen sie Spaß?". Der ganze Biergarten, der vor gut zehn Minuten noch locker bevölkert war, ist plötzlich leer und alle sitzen an den paar Tischen direkt am Haus. Anscheinend hat es gerade, als ich drinnen gewartet habe, einen netten Schauer gegeben und alle sind ins Trockene geflohen. Also kann ich jetzt erstmal um einen Sitzplatz kämpfen, schlage mich mit dem Monstertablett zu meinem Rucksack durch und darf mich von dem stoffeligen Mountainbikepäarchen auch fast noch anpampen lassen, als ich mich neben sie an den Tisch setze. Fehlte nur noch, daß sdie beiden meinen Rucksack raus in den Regen geschoben hätten, damit sie mehr Platz haben.

Das Essen ist dermaßen reichlich, daß ich einen halben Teller Bratkartoffeln und Sauerkraut übrig lasse, um wenigstens noch eine Chance zu haben, die restlichen Kilometer zu absolvieren. Auch in meinem jetzigen Zustand kann nur noch von kugeln oder rollen die Rede sein. Ganz langsam, nur nicht überanstrengen. Aber das ist die Strafe dafür, daß ich mal wieder den Hals nicht voll genug kriegen konnte.

Die letzten eineinhalb Stunden geht's locker über Forststraßen rüber nach Alpersbach, kurz vor dem Hotel finde ich noch eine Bank, um endlich die Tonnen von Steinen und Krimskrams aus den Stiefeln zu leeren, die ich eigentlich schon seit 4 Stunden loswerden will. Denn merke: Wer seine Stiefel vor dem Hotel ausleert, hat später nicht den ganzen Sand und Dreck im Badezimmer. Und im Bett. Und überall.

Im Hotel empfängt mich ein junger Typ in einer Samtwesten-Uniform, den ich sofort bemitleide. Man sieht ihm ein bißchen an, daß er eigentlich ein anderes Leben führt, wo die Samtweste im Schrank bleibt. Nach dem Duschen schlafe ich erstmal einen kleinen Nachmittagsschlaf, irgendwann weckt mich ein Gewitter und prasselnder Regen auf meiner Dachschräge. Draußen geht jetzt wettermäßig erstmal die Welt unter, ich setze mich lieber unten an die Bar für gepflegte Alkoholika und - naja, irgendjemand muß doch - ein kleines Dessert im Restaurant. Womit der Magen auch schon wieder auf Anschlag wäre.

Als die letzten Restaurantgäste gehen, zuckele auch ich auf mein Zimmer zurück, damit die Hotelmannschaft Feierabend machen kann. Als ich auf dem Balkon noch kurz etwas frische Luft schnappe, ist das Letzte, was ich heute Abend sehe, die Samtweste, die schnell ins Auto springt und runter ins Tal in ihr echtes Leben fährt.



Donnerstag, 7. Juni 2012

PREMIUM-POST! Tusch! Monsieur L'Ombrage gewinnt den Hausnummernbingo-Bonus im Alleingang! Volley!

Daß es so schnell geht, hätte ich niemals gedacht. Gestern noch habe ich eine Einsendung von Monsieur L'Ombrage brüsk als billiges Plagiat zurückgewiesen, und heute kommt der Mann ganz lässig mit den Kronjuwelen daher. Er hat den ersten Briefkasten gefunden. Daß es der richtige Briefkasten ist, kann man mindestens schonmal daran erkennen, daß die 80 wunderbar schief aufgeklebt ist, so wie es bei den Hausnummern auch immer wieder passiert.

Daher: 100 Tänzerinnen mit nacktem Oberkörper, 100 weise alte Männer  mit zustimmendem Nicken, 100 mal ein HOCH für Monsieur L'Ombrage, der wahrscheinlich in seinem Jagdgebiet in Brieselang das Hausnummernbingo alleine durchspielt, wenn der Rest der Mannschaft nicht aufpaßt.

Ich dachte eigentlich, ich hätte noch ein bißchen Zeit, mir den dödeligen Preis zu überlegen, aber das muß ich jetzt wohl etwas beschleunigen. Mit einem Gutschein über "1 Woche Wandern mit Kilian" ist es ja wohl nicht getan.

Fazit: 
Monsieur L'Ombrage? Like a boss!

Nachtrag: Das 2.000 Kilometer-Foto

Fast vergessen... So sieht ein selbstzufriedener Wanderer aus, den nichts mehr stresst.


Das deutscheste aller Schilder.


Kein Trinkwasser.

Aber wer will auch schon sprühenden Rotz trinken? Da kann das Holzmännchen noch so putzig sein...

2.000 Kilometer im Sack.

Mittwoch, 06.06.2012
Belchen nach Schauinslandbahn (Bergstation)
4,5 h / 18 km

Aaargh! Morgens schon wieder Schnürlesregen, aber so leise und klammheimlich, daß ich ihn vom Bett aus nicht gehört habe. Beim Frühstück reißt mich die Frühstücksdame mit "Darf's ein Ei sein, Herr Grauel?" ins Reich des Staunens, aber ich erinnere mich sofort wieder, daß in dieser Laden auf jedem Tisch ein Namensschild prangt. Gut, daß ich schon soweit konditioniert bin, daß ich automatisch zum Frühstück auf den selben Tisch wie beim Abendessen zusteuere.

Ich bummele beim Zusammenpacken, so sehr es nur geht, aber es hilft nix: Der Regen hört nicht auf. Auch noch eine zusätzliche Viertelstunde in voller Montur unter dem Vordach rumstehen hilft nix, also los. Beginnen wir den Tag mit der ätzendsten Variante: Start im Regen. Alles ist klatschnass und dampft vom Regen der letzten Stunden. Wenigstens hört es dann doch zügig auf...

Nach einer knappen Stunde stehe ich auf einem Waldparkplatz mit Hütte, gucke nochmal auf die Karte und verkünde mir stolz: Die 2.000 Kilometer sind erreicht. Ich grinse ein bißchen vor mich hin, nehme die gerade vorbeifahrende Porsche-Parade ab und mache ein paar Fotos. 2.000 Kilometer zu Fuß in knapp 3 Monaten. Geile Sache!

Danach: Standard. Eine Stunde Wald, eine halbe Stunde Wiese. Dann wieder eine Stunde Wald. Zwischendurch ein paar Kühe, die mich so interessiert angucken, daß sie sich vom Elektrozaun eins auf die Nase geben lassen. Ich nehme das als Kompliment. Mir kommen immer mehr Wanderer mit großem Gepäck entgegen. Eindeutig keine Sonntagswanderer, sondern ein bißchen ernster. Ich erfahre: Westwegwanderer, die den Schwarzwald von Norden nach Süden durchqueren. Sind ja auch gerade Pfingstferien...

Eine Stunde vor der Seilbahnstation ziehen wieder Wolken auf.  Langsam rauschen die schweren Schwaden vom Tal her herauf und hüllen die ganze Hochebene in dichten Nebel. Als ich die Straße überquere, hätte ich das auch mit geschlossenen Augen machen können. Man hätte die Autos eher gehört als gesehen...

Mein Ziel heute ist die Seilbahn am Schauinsland, von wo aus man runter nach Freiburg gondeln kann. Dann noch ein bißchen Bus und ein bißchen Straßenbahn, und ich kann endlich meine Liste mit Besorgungen abhaken. Wanderkarten, neue Socken, düt un dat. Außerdem: Rudi treffen. Wir haben uns vor vielen Jahren bei einem schlimmen Projekt kennengelernt (Genre: Katastrophe), seitdem behellige ich ihn immer mal wieder.  Leider hat mir Rudi so nebenbei mitgeteilt, daß hier morgen Feiertag ist. Fronleichnam. Shit, schon wieder nen Feiertag verplant. Das heißt, daß ich alle Punkt auf meiner Liste heute schaffen muß, weil morgen alle Läden zu haben. 

Insofern war der ganze Tag bisher eher ein flotter zielgerichteter Spaziergang zur Schauinslandbahn. Was angesichts des Wetter aber auch nicht wirklich schade ist. Meine Wanderkarte verzeichnet zahlreiche Aussichtspunkt mit sicherlich spektakulären Aussichten, die mir heute aber vollkommen verborgen bleiben. Also nicht lange rumeiern, um 14:20 Uhr kaufe ich mir ein Ticket für die Seilbahn und bin noch nicht mal eine Dreiviertelstunde später in der Freiburger Fußgängerzone.

Morgen werde ich wieder mit Bus und Bahn und Seilbahn zum Schausinsland fahren und von da aus weiterlaufen. Naja, logistischer Ausfallschritt eben... Den Rest des Tages beschäftige ich mich gekonnt mit dem Einkaufen von Wanderkarten, Socken und Schokoriegeln sowie einer nicht unbeträchtlichen Menge von Schweizer Kaugummis für einen Genießer, auf dessen Identität wir hier nicht weiter eingehen wollen. Ich räume nochmal meinen Rucksack aus, packe ein Paket mit überflüssigem Kram für die Heimat (Wobei ich mich frage, wie das zur Hölle funktioniert -- das ist bestimmt das 4. oder 5. Paket mit Kram aus meinem Rucksack, den ich per Post entsorge...) und verwandle mein Hotelzimmer in eine Chaoszone.  Abends holt mich Rudi vom Hotel ab und nach einem kleinen Stadtrundgang gibt es soviel Schnitzel, daß ich zum ersten Mal seit Langem meinen Teller nicht schaffe. Statt dessen muß eben mit viel Bier nachgespült werden, was ich sicherlich morgen früh bereuen werde. Aber ein solcher 2.000er-Meilenstein will eben gebührend begossen werden.

Darauf einen Dujardin!

Mittwoch, 6. Juni 2012

Hausnummernbingo: Die bittere Wahrheit für Monsieur L'Ombrage

Sehr schöner Fund aus funky Brieselang: Eine patriotische 23. Gefunden von Monsieur L'Ombrage...










Aber was haben wir hier? Monsieur L'Ombrage hat noch eine 92 eingesendet, die ich auf keinen Fall gelten lassen kann. Auch wenn das Motiv noch so schön und das Bild im Querformat ist. Und ich betone, daß sie hier nur zur Abschreckung und Aufklärung der Jugend ausgestellt wird. Das ist leider das falsche Design.

Bitte nachbessern!


Hausnummernbingo: Einsendung aus Nürnberg.

Und prompt ein "Treffer" außerhalb der Wertung, aufgrund der herrlichen Fassadenfarbe aber auf jeden Fall sehenswert. Gefunden von Ma in Nürnberg.


Aussicht satt. (Schwarzwald 1 : Harz 0)

Dienstag, 05.06.2012
Schwand (Kleines Wiesental) zum Belchen
6 h / 21 km

Zum Frühstück gibt mir der Seniorchef des Gasthofes noch zahlreiche Tips für die heutige Tour zum Belchen, für ihn der schönste Schwarzwaldgipfel überhaupt. Er serviert einen Wasserfall aus Ortsnamen, von denen ich mir überhaupt keine merken kann, also nicke ich einfach interessiert und setze einen inspirierten Gesichtsausdruck auf. Eine halbe Stunde später verlasse ich einen Laden, in dem ich gerne länger geblieben wäre, nicht zuletzt, um mich mal durch den Rest der Speisekarte zu arbeiten. Auch wenn ich mit mindestens 25 Jahren Abstand der jüngste Gast war...

Draußen ist es kühl und wolkig, die Wiesen sind naß -- aber nach Regen sieht es nicht mehr aus. Eigentlich sehe ich erst heute den Schwarzwald zum ersten Mal (gestern an meinem Pausentag habe ich noch nicht mal mein Zimmer verlassen und statt dessen nur rumgegammelt) und das ganze Panorama ist voll mit kleinen und größeren Hügeln, Wald und Wiesen. Sehr schick. Dagegen kann der Harz leider einpacken.

Es geht fleißig bergauf und bergab, aber ich bekomme ständig kleine Aussichten serviert. Das tröstet. In den Dörfern versuche ich herauszufinden, wie hier eigentlich die gültige offizielle Begrüßung ist, aber alle Dorfbewohner trällern mir entweder ein "Guten Morgen!" oder ein "Hallo!" entgegen. Das kann doch nicht der originäre Schwarzwaldgruß sein -- ich unterstelle daher sofort Touristenmodus. Egal, die Dörfer sind schön, es gibt viele alte Häuser und die wenigen Neubauten sehen meistens weniger schlimm aus als im Flachland. Irgendwann wird mir klar, daß die klassischen Schwarzwaldhäuser mit ihren tief gezogenen Dächern ein bißchen aussehen wie Darth Vader, was auch ganz wunderbar zu meiner röchelnden Atemtechnik bei steilen Aufstiegen passt.

Eigentlich ist der Tag ein schöner Spaziergang, dessen Lieblichkeit von so Namen wie Galgenköpfle, Sägemättle oder Ahörnle unterstrichen wird. Le, le, le. Da isses wieder, das Standardanhängsel. 

[Einschub wg. akuter Textassoziation zu: "Verniedlung C-H-E-N / bleib nicht stehen wie the R-A-K-I-M / I made it this far / can't stop now / there's a will and a way and I got the know-how..." aus Kinderzimmer Productions, Quoterman; aber das nur am Rande...] 

Das zahlreiche Wandervolk, das ich so unterwegs treffe, ist durchgehend auf Schlendertour unterwegs. Kurz vor dem Aufstieg zum Belchen (1.414m) merke ich langsam, daß der Tag eigentlich schon fast geschafft ist. Seltsam -- bei der Planung hatte ich eher das Gefühl, daß heute furchtbar lang und anstrengend werden wird. Aber lieber mal nicht den Berg unterschätzen und so mache ich mich an einen langen Aufstieg und brauche für die 5 km bis zum Gipfel dann doch weit über zwei Stunden, vor allem weil ich zwischendrin auf herrlich sonnigen Aussichtsbänken dringend Mittagspause machen muß. Ansonsten kommen mir tonnenweise ausstaffierte Wanderer entgegen, die talwärts streben.

Oben warten schon die Massen. Naja Massen -- aber für einen Wochentag ganz ordentlich. Auf den Gipfel führt eine Seilbahn, daher ist hier von Gipfelromantik keine Rede. Den Gipfelrundweg hake ich im Eilmarsch ab, um mir nicht die ganzen Leute anschauen zu müssen. Da gucke ich lieber Aussicht, und die ist hier oben der Hammer. Hinter mir die Vogesen und meine Strecke von heute und gestern, links die Rheinebene, die sich mit einem doppelten Rhein und bretteben in der Ferne verliert, rechts unendlich mehr Täler und vorne Freiburg, der Feldberg und noch mehr Schwarzwald. Sehr schick. Das Meckern ist mir bei dem Anblick dann doch vergangen.

Auf dem Weg rüber zum Belchenhaus denke ich natürlich noch den Satz, der bei unseren Familienwanderungen eigentlich immer von irgendwem ironisch verkündet wurde: "Na toll, hier hätte ich auch mit der Gondel hochfahren können...", freue mich ein bißchen über dieses Ritual und werfe mich für ein Radler und eine Kartoffelsuppe auf die Terrasse des Belchenhauses und spiele Tourist. Dabei stelle ich:
Seit ein paar Tagen bin ich ja sprachlich wieder auf der Höhe. Französisch sprechen und verstehen ging ja zum Schluß ganz gut, aber mit der Muttersprache Deutsch ist es echt was Anderes. Ich kann wieder Plaudern, mit der Bedienung scherzen und auch mal Zwischentöne einfließen lassen, was mit meinem Murks-Französisch echt nicht drin war. Das ist super, aber: -- auf der Terrasse des Belchenhauses merke ich endgültig, daß das auch einen Riesen-Nachteil hat. Ich verstehe plötzlich wieder den ganzen Schrott, den Tischnachbarn im Allgemeinen so reden. In Frankreich war mir das immer zu anstrengend, daher habe ich die Konversationen um mich herum immer ausgeblendet, aber jetzt krauchen die Gespräche von anderen Leuten wieder automatisch an meine Ohren. Und all die Banalitäten tun schon etwas weh.

Die letzte halbe Stunde runter zum Jägerstüble ist ein Spaziergang mit den Händen in den Hosentaschen. Bisserl bergab bis zur Talstation der Seilbahn und willkommen. Ein schräger Laden, der sich noch nicht zwischen 60er Jahren und 2012 entscheiden konnte und daher mal beide Zutaten serviert. Am Abend im Restaurant muß ich mir vom Nebentisch her die HartzIV/Erntehelfer/Polen-Diskussion mit anhören und stöhne innerlich vor Schmerzen. Verdammte Muttersprache...

Montag, 4. Juni 2012

Schwarzwald im Regen. Saftregen.

Sonntag, 03.06.2012
Weil am Rhein nach Schwand (Kleines Wiesental)
9 h / 36 km

Wäh! Sonntagmorgen bei Sonnenaufgang: Regen satt. Ich schaue ein bißchen aus dem Fenster auf den vollkommen leeren Platz vor dem Einkaufscenter. Gestern Abend musste man hier quasi durchschwimmen. Und jetzt: Kalte klare Regenluft. Naja, lieber erstmal frühstücken, vielleicht hört's ja noch auf.

Äh - nein, eher nicht. Um halb zehn stehe ich auf der leeren Straße und mache mich auf in Richtung Gewerbegebiet, was nicht schwer ist, denn von hier aus ist in jeder Richtung Gewerbegebiet. Ich eiere ein bißchen durchs Hafengebiet, das aussieht, als wäre hier seit Jahren niemand mehr gewesen. Überall alles wie ausgestorben. Nur die Dönerbude gegenüber der Hafeneinfahrt ist gerammelt voll, was auch mit viel Wohlwollen nicht für die Dönerbude spricht. Und bei McDonalds sind schon Frühstücksgäste. Ansonsten werde ich wieder daran erinnert, daß nur eines trostloser ist als Gewerbegebiete im Regen: Gewerbegebiete im Regen an einem Sonntag.

Von französischen Bäckerein verwöhnt, erlebe ich in der ersten deutschen Bäckerei erstmal einen hämischen Schlag ins Gesicht und werfe das zweite von zwei Schokocroissants erstmal angewidert in den Bahnhofsmülleimer. Gott sei Dank beginnen hinter Haltingen schnell die Weinberge und der Wald. Der Blick zurück in die Rheinebene zeigt nur urbanes Industriegebälk, Wohnblocks und ähnlichen Mist. Schnell weiter, da vorne beginnt der Schwarzwald.

Trotz des Regens teile ich den Forstweg mit zig Joggern. Anscheinend habe ich die Joggingautobahn von Lörrach und Haltingen erwischt. Gegen Mittag setze ich mich an der Hexenbrünnlehütte erstmal eine Stunde ins Trockene, hoffe das Beste und lese ein bißchen, bis mir kalt wird. Und weil es gerade nicht regnet, ziehe ich weiter. Links und rechts dichter Bannwald, durch den kein Weg führt. Der Forstweg ist weich vom Regen der letzten Nacht und des Vormittags, jeder Schritt sinkt tief ein. Nach mehr als einer guten Stunde lasse ich auch den letzten Mountainbiker hinter mir und teile den Wald nur noch mit dem Regen, der wieder eingesetzt hat. Und nicht wieder aufhören wird.

Der Regen setzt mit seltsamerweise nicht zu, es regnet halt. Es ist schön, alleine durch diesen nassen und kühlen Wald zu laufen, auch wenn man nicht viel davon sieht. Um meinen Kopf herum rauscht und tost es und ich weiß nie, ob es der Regen ist, eine Windboe oder ein Bach hinter der nächsten Ecke. Hinter der Straße soll es laut Karte nochmal eine Rasthütte geben, ich freue mich schon darauf, wenigstens ein paar Minuten im Trockenen zu sein. Also stapfe ich eine Dreiviertelstunde mit der Hoffnung auf eine trockene Rast weiter, um dann -- die Hütte nicht zu finden. Der Regen ist eigentlich nicht schlimm, aber die verpuffte Hoffnung auf etwas ist bitter.

Ich habe schon lange in den Scheuklappenmodus geschaltet. Weil ich die Wanderkarte nicht zum Umblättern aus der Hülle nehmen will, weil sie sofort durchweichen würde, orientiere ich mich eher an den zahlreichen Wegweisern, was auch ganz gut gelingt. Eine Übersicht, wie lange ich noch unterwegs sein werde, habe ich dadurch allerdings nicht.



Irgendwann habe ich mich damit abgefunden, daß alles naß ist. Daß ich eigentlich jedes Kleidungsstück mit Erfolg auswringen könnte. Daß sich innen am Boden der Regenhülle ein Wasservorrat gebildet hat, den ich mir alle zwei Stunden von hinten auf die Hose kippe, damit ich den Rucksack nicht beim Abstellen direkt ins Wasser stelle. Daß der Tag viel länger dauern wird, als ich mir das wünschen würde. Daß ich viel zu schnell laufe, um es hinter mich zu bringen. Denn irgendwann am Nachmittag geht mir dann doch die Lust verloren. Volle Kraft voraus, auch bergauf, einfach nur ankommen wollen. Kapuze und Mütze habe ich schon lange nicht mehr auf, ist eh egal, und die Regenjacke habe ich eigentlich auch nur an, um die Wärme einigermaßen am Körper zu halten. Darunter bin ich genauso naß, als wenn ich keine angehabt hätte. Wenigstens die Stiefel mit den frisch gekauften 3 EUR-Takko-Wandersocken sind erstaunlich trocken.

Ich muß ein schlimmes Bild abgeben, als ich gegen 1900 Uhr in meinem Berggasthof ankomme. Der Parkplatz ist voll und die Gäste drücken sich an den Panoramascheiben möglichst unauffällig die Nasen platt, was denn da für ein Landstreicher ankommt. Aber der Laden macht alles richtig. Die gute Frau nimmt mir fix Jacke und Regenhülle zum Trocknen im Heizungsraum ab. Es gibt einen extra Schuh-Trockenraum. Die Dusche ist heiß, mit frischen Klamotten fühle ich mich sofort wieder vorzeigbar und das Abendessen ist so gut und deftig und deutsch, wie ich es mir seit Monaten gewünscht habe. Grobe Bratwürste mit Zwiebelsauce als Vorspeise, danach das gute Wiener Schnitzel mit Pommes. Dazu Bier und ich bin sehr, sehr glücklich.

Nachtrag: Einkaufscenter-Hotel

Nur so aus Lust an der einladenden Hotelarchitektur. Der Hoteleingang ist unten mittig, neben der Tiefgaragenzufahrt...

Sonntag, 3. Juni 2012

Hausnummernbingo: Einsendung aus Berlin.

Aus dem Prenzlauer Berg erreichte mich diese anonyme Einsendung, zu nächtlicher Stunde, aus der Dietrich-Bonhoeffer-Straße. (Ich musste übrigens sofort an meine Zeit bei der Post denken, in unserem Zustellstützpunkt hieß die Dietrich-Bonhoeffer-Straße allgemein nur "Didi"...)



Über den Rhein.

Samstag, 02.06.2012
Lutter (F) nach Weil am Rhein (D)
6,5 h / 30 km

Extra früh raus. Frühstück um 08:00. Auf der Straße um 08:45. Vollgas auf der D23 in Richtung Wolschwiller. Es ist ein rastloser Morgen, der letzte Tag in Frankreich beginnt. Ich habe das Gefühl, daß eine riesige Strecke vor mir liegt und will Tempo machen. Heute Abend habe ich mir ein höchst seltsames Hotel im 6. Stock eines Einkaufscenters direkt am Rhein ausgesucht. Das wird bestimmt schräg (mit Einkaufscenter-Hotels habe ich bisher eigentlich immer schräge Erfahrungen gemacht), aber es gibt ein unschlagbares Argument: Ich könnte heute Abend noch shoppen. So richtig: Shoppen. Also sowas wie eine zusätzliche kurze Hose. Oder wie neue Wandersocken (ich hör Monsieur L'Ombrage schon im Hintergrund prusten). Und Wanderkarten für die nächsten Wochen. Also raus auf die Straße, Strecke machen.

Es war ein rastloser Morgen, bis zu dem Moment, als ich die Tür des Gasthofs hinter mir zuzog und hinausging in einen klaren Sommermorgen, voll mit gleißendem Sonnenlicht. Hinter den letzten Häusern von Lutter öffnete sich der Horizont wieder auf Berge und Wiesen und Kirchtürme und innerlich entspannt sich sofort wieder alles. Das Hämmern meiner Stiefel auf dem Asphalt klopft alle Gedanken an "Erledigen!" oder "Du mußt heute noch!" in Windeseile weich. Und die kilometerweite Aussicht auf ein ruhig daliegendes Land bläst alles weg, was von diesen Gedanken noch übrig geblieben war. 

Es wird wieder schnell wärmer, mein früher Start hat mich in den Morgentemperaturen schwer gefoppt. Kurz vor Mittag freue ich mich schon wieder über jeden Meter Schatten und kann die Salzkristalle in meinen Augenbrauen kratzen spüren, wenn ich mir den Schweiß von der Sirn wische. Im Wald, mitten auf einem schmalen Pfad durchs Unterholz, treffe ich schon wieder auf  Schüler beim Orientierungslauf, diesmal allerdings etwas älter und deutlich orientierter als die Mädels von gestern. Als die erste Gruppe gerade vorbei ist, höre ich eines der Mädchen noch mit schwer britischem Englisch zu ihrer Freundin sagen "This guy rules us all.", was ich sofort als Kompliment verstehe und ja - ich erröte fast noch ein wenig mehr vor Rührung.

Wieder so ein Moment, in dem ein paar Worte einer fremden Person mir mehr bedeuten, als man im ersten Moment denken mag. Hinter diesem lockeren Satz steckt für mich, daß man auch von außen wahrnehmen kann, wie sehr ich in meinem Tun und Wandern aufgehe. Wie die lockere Geste des Autofahrers auf dem langen Anstieg im Massif Central (die ich immer noch wie einen Schatz mit mir rumtrage) ist auch dieser Satz eines Mädchens, mit dem ich so rein gar nix zu tun habe, eine Form der feststellenden Anerkennung, die man manchmal haben muß. Man wird dünnhäutig auf der Straße.

Ab Hagenthal beginnt der Murks. Durch glühende Dörfer, die nur leergekaufte Bäckereien parat haben. Durch Reihen von Neubauten, die sich immer weiter an die Neubauten des nächsten Dorfes heranarbeiten, um irgendwann mit ihm zu verschmelzen. Unten im Tal sieht man schon irgendeine Art von urbanem Knäuel, der Beginn von Schlafstädten und Einfamilienhausvororten. Basel, Mulhouse, Weil. Ich setze mir Musik in die Ohren, weil ich schon ahne, daß ich die kommenden Stunden sonst nicht anders ertragen könnte.

Durch endlose Gewerbegebiete. Vorbei an Plattenbauten. Reihenhäusern ohne Charme und mit viel zu hohen Hecken. Vorbei an gelangweilten Jugendlichen, die entweder zu frisiert sind, um ins Freibad nebenan zu gehen oder die heute schonmal da waren. Und der Asphalt glüht in der Sonne. Es gibt keine Wege oder Pfade mehr, nur noch Straßen. Transitland. Von der Wohnung in Frankreich rüber nach Basel zum Arbeiten. Zum Einkaufen nach Deutschland. Das Kreuz und Quer und Hin und Her dieser Region wirkt auf mich, der einer ganz klaren Linie folgt, die weit hinter dem Horizont begonnen hat und weit hinter dem Horizont enden wird, sehr befremdlich.

Dennoch: Als ich den Rhein erreiche, kann ich mir das Grinsen nicht aus dem Gesicht wischen. Plötzlich ist da Wind, der mich kühlt. Plötzlich ist da bummeln und schlendern. Plötzlich ist da ein "da drüben", das etwas verändern wird. Ich gehe über die Dreiländerbrücke rüber nach Deutschland und lasse Frankreich genauso still und unspektakulär hinter mir, wie es mich die ganzen Wochen hat durch sich durchgehen lassen. Au revoir, ma chère.

Deutschland ist ein Schlag ins Gesicht. Und ein Tritt in die Magengrube. Und ein höhnisches Lachen. Mein Einkaufscenter liegt direkt an der Rheinbrücke, schon davor tummeln sich tausende Kauftouristen. Als ich nach der obligatorischen Dusche (im gar nicht mal so schrägen Einkaufcenterhotel) ganz praktisch mit dem Hotelaufzug direkt in die Ladenstraße fahre, merke ich erstmal, wie schlimm das Center ist. Nur schlimme Läden, nur schlimme Leute. Noch nicht mal ein Buchladen, um mich mit Karten zu versorgen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf und laufe die zwei Kilometer rüber in den eigentlichen Ort Weil am Rhein, finde aber außer Dönerbuden und hunderten fader Cafés nur eine Eisdiele, die mich noch etwas aufzuheitern vermag. Der ganze Ort ein verzweifeltes Warten auf etwas, das vermutlich nie kommen wird. Das Thermometer an der Apotheke zeigt 30° an, genauso fühlt es sich auch an, und ich reiße mich zusammen und kaufe mir eine kurze Hose und ein Poloshirt, um dazuzugehören.

Samstag, 2. Juni 2012

Typographie-Fail.

Vor allem: Die Kollegen, die das blaue Schild hergestellt haben, waren ja auch clever genug, wenigstens alles in Großschrift zu setzen...

Für Monsieur Müller.


Letzte Schritte in Frankreich. Und: Kleine Mädchen im Wald.

Freitag, 01.06.2012
Le Petit Kohlberg (F) nach Lutter (F)
5,5 h / 22 km

Der Morgen beginnt genauso still, wie der gestrige Abend geendet hat. Im Frühstücksraum läuft im Radio James Blake und ich könnte hier noch stundenlang in aller Ruhe sitzen und aus dem Fenster schauen. 

Sowieso habe ich heute Lust auf Bummeln -- Zeit habe ich ja ga genug. Der Tag ist sowieso nicht voll, also habe ich noch einen kleinen Schlenker über Ferrette eingeplant - das einzige Kaff, wo ich vielleicht noch eine Wanderkarte für morgen finden könnte.

Auf dem Feld finde ich ein paar kleine Bunker aus der Epoche des Zweiten Weltkrieges. Im Tal dahinten sind ein paar Truppenunterstände in die Hänge gebaut, die noch immer deutlich zu erkennen sind. Eine Infotafel informiert mich darüber, daß hier der südlichste Zipfel der Miagnot-Linie war, mit der Frankreich seine Ostgrenze verteidigen wollte. Schwer vorzustellen, daß in dieser abgelegenen Landschaft mal Soldaten auf den Angriff gewartet haben.

Im nächsten Dorf merke ich plötzlich, daß die Häuser gar nicht mehr wie Frankreich aussiehen. Nicht, daß es ein allgemeingültiges Frankreich-Dorfbild gäbe, aber das hier sieht einfach anders aus als alle die Dörfer der letzten Monate. Genauso wie die Sprachen nicht an den Landesgrenzen Halt machen, sondern darüber hinweg fließen, ändern sich die regionalen Baustile nicht auf Kommando. Frankreich sah schon lange vor der Schweiz wie die Schweiz aus. Und hier sieht Frankreich nun wieder aus wie ein süddeutsches Dorf -- naja, eher wie eines, das in einen Farbtopf gefallen ist. Aber vielleicht ist das ja der französische Touch...

Ferrete meint es gut mit mir. Im Simply-Market gibt es nicht nur noch handwarme Baguettes, sondern auch wieder ein ganzes Regal mit Karten. Gleich neben einem Stapel Bibeln - für 1,50 EUR im Sonderangebot. Wahrscheinlich kommt der Pfarrer täglich gucken, ob eine davon verauft wurde. Und natürlich habe ich Glück -- bei den Wanderkarten ist genau das Blatt noch vorrätig, das ganz an der äußersten rechten Ecke mein Ziel für morgen noch abbildet: Weil am Rhein. Deutschland. Morgen ist es also soweit, ich werde über den Rhein gehen und wieder in Deutschland sein. 

Hinter der nächsten Kurve wird Ferrette dann auch noch plötzlich schön. Ganz unerwartet. Mit Château-Ruine, Altstadtgassen, Kräutergarten und allen anderen Requisiten der "Unser Dorf soll schöner werden"-Versuche. Die Terrasse der Pizzeria, an der ich vorbeiziehe, lockt mich ganz heftig für ein Mittagessen, aber ich habe im Rucksack die frisch eingekauften Leckereien aus dem Simply-Market. Und am Ententeich packe ich erstmal alles aus, es gibt Baguette mit Gänseleberpastete und Elsäßer Würstchen. Dazu köstliches Orangina.

Im Wald überhole ich eine kleine Gruppe hier deplazierter pubertierender Mädchen, die mich dank schlimmer Mucke aus dem Handylautsprecher nicht von hinten antraben hören. Ich kann mir ein kleines "Buh!" nicht verkneifen... Anscheinend sind die Damen zum schulischen Orientierungslauf verdonnert, sie haben eine Karte mit markierten Punkten dabei, die sie anlaufen müssen. Sie haben aber offensichtlich nicht mal die leiseste Ahnung davon, wo sie gerade sind, weil sie einfach einer Gruppe vor ihnen bis zu diesem Weg gefolgt sind. Ich zeige Ihnen die Richtung und ziehe das Tempo an, den es ist derselbe Weg, den ich auch nehmen wollte. Kurz darauf hab ich sie abgehängt und treffe dafür gleich die nächste Truppe, wobei diese Damen deutlich weiter in puncto Kartenlesen sind. Sie wissen immerhin schonmal ungefähr, wo sie sich befinden...Auch diese Damen kriegen noch einen guten Richtungstip von mir. Goldig...

Auch wenn der Himmel recht bewölkt ist -- es ist wie immer in den letzten Tagen ziemlich warm. Die letzte Stunde bis zu meiner Unterkunft brutzele ich langsam auf der Landstraße, bis ich gar bin. Mein Zimmer ist mau und als ich später runter ins Restaurant gehe, ist es da plötzlich so voll, daß ich fast rückwärts wieder raus und ohne Abendessen ins Bett gegangen wäre. Statt dessen pfeife ich auf's Geld und gönne mir zum Abschied das große Spargelmenü.

Mein letzter Abend in Frankreich. Aber wie gesagt -- Abschied gefeiert habe ich schon gestern. Wenn ich an morgen denke, denke ich vor allem ans Ankommen in Deutschland. Frankreich liegt schon hinter mir.


Freitag, 1. Juni 2012

Hausnummernbingo - LOS GEHTS!

So, meine Damen und Herren!

Aufgrund vielfachen Wunsches starte ich numehr offiziell das Hausnummerbingo 2012. Einerseits bin ich übermorgen Abend in Deutschland und werde wahrscheinlich bald auf die ersten Nummern stoßen (in Frankreich gab es ja peinlicherweise keinen einzigen Fund zu vermelden), andererseits haben mich auch schon einige Vorab-Einsendungen erreicht, die ich im Anschluß kurz vorstellen will.

Im Navigationsbereich auf der rechten Seite des Blogs findet Ihr zwei neue Links zu den Regeln des Hausnummernbingos (die ich selbstverständlich ständig ändern werde, um es spannend zu halten) und vor allem zu den aktuellen Einsendungen damt Bild und Zusatzinfos.

Ich bitte um rege Teilnahme! Fotos per Email an

info@hausnummernbingo.de

oder an jede Polizeidienststelle.

# 2
Einsendung von Monsieur L'Ombrage
gefunden in Berlin-Pankow








# 16
anonyme Einsendung
gefunden in Burgthann, Franken








# 28
Einsendung von Wiebke
gefunden in - holla! - Florø, Norwegen

Abschied vom Doubs, Kur s auf das Elsaß.

Donnerstag, 31.05.2012
Saint Ursanne (CH) nach Le Petit Kohlberg, Lucelle (F)
7 h / 26 km

Beim üblichen Morgeneinkauf im Dorf-Coop muß ich mich schwer zurückhalten, nicht doch irgendwelche Touristenpostkarten zu kaufen. Die klugen Postkartendesigner haben es geschafft, selbst mich aus der Reserve zu locken: Aufkleberpostkarten! Als ich schon mit einem Stapel an der Kasse stehe, frage ich mich nochmal kurz, ob ich wirklich u.a. einen Aufkleber für 3 CHF kaufen möchte, der meinen Postboten auf französisch bittet, keine Werbung in meinen Briefkasten zu werfen. Ich entscheide mich doch für "Nein!", packe den Mist wieder zurück und bleibe lieber bei der bewährten Formel "Trinken - Baguette - Belag".

Sofort hinter der Stadtmauer von Saint Ursanne wird es schlagartig still. Von Touristen nix mehr zu sehen und Wanderer werde ich - soviel kann man ja schonmal verraten - heute auch keine treffen. Auf dem keuchendsteilen Anstieg hinter dem Schloß schnippe ich gekonnt und voller Horror mehrere Monsterzecken von meinen Beinen, die da keine 10 Sekunden länger rumkrabbeln sollen. Die Biester krabbeln nämlich immer erstmal reflexartig nach oben...

Als ich nach einer guten Stunde endlich oben am Col de la Croix ankomme, hat der gute Bauer von nebenan vorgesorgt. Am Waldrand hat er einen dicken großen uralten Baumstamm liegenlassen, auf dem es sich prächtig und mit Aussicht sitzt. Auf dem Zaun nebenan kann man prima das vom Aufstieg klatschnasse Hemd trocknen, während man sich in etwas Wärmeres gehüllt in den Wind setzt. Und so muß ich leider schon gegen 11:00 Mittagspause machen. Und zwar ausgiebigst.

Auf der anderen Seite der Hügelkette ist die Landschaft wie ausgewechselt. Hat mich in den letzten Tagen die Enge der Schluchten des Doubs begleitet, sehe ich jetzt von oben weites Agrarland mit ein paar Hügeln dazwischen. In der Ferne schimmert im Nordosten irgendein monströses Mittelgebirge und ich bin mir nicht sicher, ob das nicht vielleicht schon der Schatten des Schwarzwaldes ist.

Als ich über den nächsten Hügel drüber bin, schlägt dann doch die Mittagshitze zu. Eigentlich sollte es heute deutlich kühler werden als in den letzten Tagen. Eigentlich sollte es sogar regnen. Aber statt dessen brüte ich schon wieder bei knapp 30 Grad. Wenigstens gibt es ab und zu ein paar Wolken, die für Schatten sorgen, wenn ich mal wieder auf freiem Feld unterwegs bin.

In Cornol, meinem vorletzten Dorf in der Schweiz, servieren mir die Eidgenossen nochmal zum Abschied den Beweis, das die Schweiz auch richtig häßlich sein kann. Neubaugebiete haben überall relativ wenig Reiz, aber dieses hier mit seiner Mischung aus Protz und moderner Pseudourbanität schreit geradezu nach beschleunigten Schritten, damit man schnell dran vorbei ist. Im Dorf hat sich alles Leben hinter Jalousien, Markisen und Gardinen zurückgezogen. Der einzige Mensch, den ich sehe, ist ein alter Mann auf dem Balkon. Und auch von ihm sehe ich nur das Gesicht, wie es aus seinem Adlerhorst herunterglotzt. Ansonsten - keine Bewegung. Kein Hund, kein Auto, keine Kinder. 

Im Wald beginnt der Anstieg auf die letzte Hügelkette vor Frankreich und damit das gefühlte Niemandsland. Kurz vor der grünen Grenze treffe ich noch einen Jogger, danach ist Sense. Nur noch Wald, Wiesen und Felder. Auf den uralten Grenzsteinen finde Jahreszahlen bis zu 1817 runter, der Pfad schlängelt sich wie zum Spaß mal auf diese, mal auf jene Seite der Grenze. Oben auf dem Hügelkamm öffnet sich die Landschaft zu weiten Wiesen, auf denen die Zeit stehen geblieben ist. Weiter vorne liegt ein alter Bauernhof, auf dem sich ebenfalls nichts rührt, links davon Himmel (mit Regenwolken), rechts Wiese und ganz da hinten beginnt wieder der Wald. So fühlt es sich an, wenn "abgeschiedene Regionen" noch weiter in die Stille abgleiten. Drüben in Frankreich wird hinter der ersten und einzigen Straße weit und breit der Pfad zu einer schmalen Spur durch das hüfthohe Gras der Felder. Nur drei Pferde grasen gedankenverloren im Gras, als ich vorbeiziehe. 

Mit der Weite und Leere und Stille des Landes verliere ich mein Zeitgefühl und muß statt dessen daran denken, daß ich wahrscheinlich der einzige Mensch im Umkreis von zwei Kilometern bin. Vielleicht auch mehr. Die Blasen, die ich seit zwei Tagen seltsamerweise am linken Fuß habe, schmerzen nicht mehr, alles geht ganz von alleine. Die letzten Kilometer bis zu meiner Unterkunft streife ich durch die Landschaft, als gehörte sie mir alleine. Mit einem Gefühl von Freiheit, das ich so stark selten verspürt habe. Und der langsam einsetzende Regen verstärkt dieses Gefühl nur noch.

Und der Tag hört nicht auf, mich zu belohnen. Am Ende erreiche ich auf einem kleinen Trampelpfad den Waldrand und da drüben hinter dem Feld liegt schon mein Landgasthof, daneben noch ein Bauernhof und zwei Häuser, sonst nix. Und der Laden macht alles richtig. Tolles Zimmer, hartes Bett und freundliche Menschen. Ich sitze am offenen Fenster, durch das der kühle Abendwind hereinweht, esse einen pompösen Salat und - endlich! - ein Wiener Schnitzel, von dem ich jeden Bissen genieße. Auch wenn morgen noch eine letzte Nacht in Frankreich kommt: Abschied von diesem Land habe ich schon hier gefeiert. Hier und heute, wo alles perfekt war.