Donnerstag, 19. April 2012

Klimazonen in a nutshell.

Mittwoch, 18.04.2012
Col du Trébatut nach Marvejols
5,5 h / 24 km

Gulp. Großartig. Der helle Schein vor meinem Fenster ist nicht etwa Sonnenlicht, sondern Schnee. Voller Widerwillen stehe ich auf und husche Richtung Frühstück. Saukalt draußen. Naßkalt.

Der gute Wirt von meinem Berggasthof macht mir am Ende einen besseren Preis als angedroht - wie viele Gastgeber, mit denen ich mich gut verstanden habe. Ich kriege quasi Frühstück und Abendessen geschenkt. Als ich fertig gepackt vor dem Haus stehe, ringe ich noch eine gute Minute mit mir, ob ich heute nicht vielleicht doch die kurze/einfache Variante mache. Schon wieder Entscheidungen. Ich wollte doch in diesem Urlaub eigentlich damit aufhören? Also los, rauf auf den Berg. Irgendwie mag ich Schnee ja auch. Die erste Stunde ist zwar identisch mit meiner kleinen Pausentagstour von gestern, aber wurscht. Bei dem Wetter und mit der Schneedecke sieht alles sowieso ganz anders aus (siehe Post "Vergleichende Fotografie"...).

Der Schnee matscht schwerfällig unter meinen Stiefeln rum, wenigstens ist der Wind heute nicht so stark und ich noch dazu im Wald, so bleibt der Anstieg eine Aufgabe, die mich nicht viel anders zu dieser Jahreszeit auch im Harz hätte erwarten können. Beim Aufstieg merke ich deutlich, die mit den Höhenmetern auch der Schnee mehr wird. Am Scheitelpunkt auf ca. 1.350m sieht es dann schon aus wie im Winter. Obwohl ich weiß, daß das nächste Dorf gerade mal eine Stunde entfernt ist, fühlt sich das Wandern in dieser Suppe sehr gruselig an. Kaum Sicht, hinter dem weißgrauen Nichts könnte gefühlt auch ein kilometerweiter kanadischer Winterwald kommen. Keine Spuren im Schnee. Das ist nicht nur Alleinsein, es fühlt sich an wie abgeschnitten von der Welt. Brrr. Kragen hochgestellt, Rucksack enger geschnallt und weiter.


Nur eine Stunde beim Abstieg später setzt das Tauwetter ein. Der Wind schüttelt dicke Schneebatzen pflatzschend auf den nassen Boden, dicke Tropfen Schmelzwasser regnen schön von oben auf mich herab. Die historische Mine im Wald neben dem Weg suche ich bei dieser naßkalten Bedrohung von oben nur halbherzig und  finde ich daher natürlich auch nicht.
In La Blatte knicke ich dann doch ein und wähle die Küken-Variante: Weiter auf der kleinen Straße statt wieder auf matschigen Feldwegen bergauf. Und nur eine halbe Stunde später wirft zum ersten Mal die Sonne von hinten meinen Schatten auf den Asphalt, während von vorne allerdings noch Schnee kommt. Das ändert sich zügig, nochmal 100 Meter tiefer wird es schon wieder grün. Es regnet oder graupelt zwar noch zwischendurch, aber der in der Sonne dampfenden Straße schaue ich doch ganz gerne zu...





Beim Abstieg mache ich ein paar Faxen mit einer Herde Aubrac-Rinder, sitze mich zum ersten Mal an diesem Tag hin, weil ich Aussicht und Sonne genießen will, winke vom Weg aus einem picknickenden Rentnerpäarchen auf dem Autobahnparkplatz zu, durchquere das wahrscheinlich ärmlichste Dorf Frankreichs in einem verlassenen Tal neben der Autobahn und irre schließlich durch die kleinen Gassen von Marvejols. Ein gütiges Dorf, es serviert mir sofort einen Supermarkt, einen Bäcker und einen Tabakladen, in dem ich morgen - uuuuh! - vielleicht sogar Postkarten kaufen werde.

Mein Hotel versteckt sich hinter seinem Parkplatz, ganz klein steht der Name neben einer Telefonnummer in der Scheibe einer unscheinbaren Tür. Der Typ an der Rezeption murmelt nur muffeliges Zeug. Ich lande mal wieder im Loserzimmer direkt am/im Treppenhaus. Hinter der Zimmertür aber die weite Welt: Eine Badewanne mit ordentlich Platz, die Fugen der Badezimmerfliesenkacheln clever in rot eingefärbt, wegen a) Effekt und b) würde man den Schimmel nicht so schnell sehen, wenn welcher da wäre. Eine Zwischentür, damit man vom Flur nix hört. Eine warme Heizung, auf der meine frisch gewaschenen Sachen trocknen. Hier gehe ich heute nicht mehr raus. Von Fenster aus kann ich den ganzen Abend gut beobachten, wie der Regen zuverlässig auf den Parkplatz fällt.

Ich denke über die Höhen und Tiefen dieser Reise nach und bin erstaunt, wie klein manchmal die Dinge sind, die große Ausschläge verursachen. Anspruchslose Stunden im Dauerregen. Resigniert-ätzende Hotels. Oder andersherum: Doch nochmal auf nen Stein gesetzt und ne halbe Stunde ins Tal geguckt. Der freundlich grüßende Bauer im Trecker. Die Sonne, die sich heute doch noch die Oberhand gewonnen hat. Vor allem aber erstaunt es mich, wie durchlässig ich gegenüber solchen Momenten geworden bin. Ich mach sie alle mit, ich nehme sie alle in mich auf, sie alle dürfen mitkommen. Irgendein Filter in mir sucht sich heraus, was gerade passt, ohne daß ich irgendein Zutun hätte. Wenn ich einen Schritt zurück trete, sehe ich, daß sich schon seit mehreren Wochen das Unterwegssein verselbstständigt hat. Aufbrechen, laufen, ankommen. Die Kilometer laufen ganz einfach an mir vorbei, die Tage auch. Schon wieder eine Woche rum. Die fünfte? Die sechste? Ich müßte nachrechnen. Mit heute bin ich 888 km unterwegs, am Wochenende werde ich wohl die 1.000 vollmachen. Und dann? Weiter.

Pausentag in der Sonne.

Dienstag, 17.04.2012
Pausentag im Aubrac

Hmm, war ja klar. Gegensätzlicher könnte der morgendliche Blick aus meinem Fenster nicht ausfallen. Gesterrn noch Sturm und Schnee, heute Sonne und ein schwarzer Hund, der sich ebenjene auf den Pelz brennen läßt. Nach dem Frühstück lege ich mich zur Belohnung erstmal wieder schlafen, wälze meine frisch gelieferten Wanderkarten und am Nachmittag halte es dann doch nicht mehr aus und: Ich mach noch ne kleine Wanderung. An meinem Pausentag.

Aber das Wetter ist zu schön, außerdem habe ich seit Tagen den feuchten Traum, endlich mal mit fast leerem Rucksack zu laufen, was mir in diesem Fall mühelos gelingt. Jacke, Sonnencreme, Wasserflasche und noch ein bißchen Ballast, damit der Rucksack nicht schlenkert. Eine kleine Tour durch den Wald hinter dem Haus und nach vier Stunden kehr ein glücklicher Wanderer mit einem Sack voller Schönwetterfotos zurück in seine Herberge...





Mittwoch, 18. April 2012

Für Jay.

Telefonaussicht beim Telefonieren am Dienstag:



Und zum Vergleich (timewarp!) -- Mittwochmorgen:

In eisige Höhen.

Montag, 16.04.2012
Saint-Geniez-d'Olt nach Col du Trébatut (Les Salces)
8 h / 34 km

In der trügerischen Sicherheit meines Bettes war ich mir am Morgen nicht ganz sicher, ob das Heulen da draußen vor dem Fenster der Wind oder der Motor von den Baumaschinen der Straßenbaustelle war. Zunächst war mir das auch herzlich egal, es gab warme Croissants zum Frühstück...

Heute: Die Angstetappe. Ein Tag, den ich schon seit einer Woche sorgenvoll betrachte, während ich ihn von links nach rechts drehe, immer wieder auf der Karte verfolge und mir alle möglichen Gedanken dazu mache. Reichlich lang. Mit 1.000 Höhenmetern Aufstieg. Eigentlich zu viel. Aber kürzer geht nicht, da oben gibt es nur wenige Übernachtungsmöglichkeiten.

Ich starte früh, um ein bißchen Zeitpuffer zu haben und entscheide mich im letzten Moment an der Kreuzung an der Brücke, daß ich für den Aufstieg doch nicht den steilen Traktorweg nehme, sondern lieber die Straße. Weil es nicht so steil ist. Weil ich zur Not den Daumen raushalten kann. In den zwei Stunden Aufstieg bis Naves-d'Aubrac überholt mich genau ein Auto: Der Müllwagen. Soviel zu Argument Nummer 2. Das Argument des weniger steilen Aufstieges war allerdings richtig, ich komme wesentlich schneller voran, als ich gedacht hatte. Es ist knackig kalt, es ist windig und ein entgegenkommender Opa in seinem Auto hebt anerkennend den Daumen, als ich auf der Straße bergauf zuckele. All das zusammen macht die Sache sehr viel leichter.

Irgendwann sehe ich zum ersten Mal den oberen Teil des Tals, durch das ich später weiter aufsteigen werde. Es ist weiß. Mit einer Mischung aus Vorfreude und respektvollem Schaudern ziehe ich weiter und treffe in den nächsten 2 Stunden nur einmal einen Bauern, der gerade einen Zaun am Hang repariert. Selbst in dem kleinen Bergdorf Les Ginestes rührt sich nichts, nur ein paar Hühner und zwei laute Hunde sind zu sehen. Kein Mensch, nicht mal Rauch aus irgendeinem Schornstein. Als ich hundert Meter weiter oben langsam in das Weiß eintauche, fühlt es sich so an, als wäre ich alleine in einer leeren Welt unterwegs.

Ich finde die Weggabelung, an der sich entscheiden wird, ob ich auf der Straße gehen muß oder kleine Wege gehen kann und mein Wunschweg existiert tatsächlich (ich traue der Wanderkarte immer noch nicht 100%ig).  Weiter in das verschwimmende Weißgrau von Schnee und Nebel. Je höher ich steige, umso schärfer nimmt mich der Wind in die Mangel. Immer schön von links, er greift sich immer wieder eine Handvoll Schnee und wirft sie mir ins Gesicht. Ich habe schon lange freiwillig Jacke, Kapuze und überhaupt alles angezogen, was mich wärmt. Ein Königreich für Handschuhe... Als ich den letzten Bauernhof hinter mir lasse, finde ich zwar plötzlich Spuren im Schnee, die aber nach ein paar Kilometern genauso unvermittelt wieder aufhören. Trotzdem ist mir der Gedanke, daß hier erst vor ein paar Stunden jemand gegangen sein muß, ein großer Trost.


 Beim letzten Aufstieg zum Col du Bonnecombe auf ca. 1.300m wird der Wind zum Kampf. Durch jede Ritze sucht er sich einen Weg unter meine Jacke, mir ist elend kalt und ich frage mich langsam, was das für eine absurde Idee war, sich hier hoch zu quälen. Aus den vorbeizischenden Wolken taucht auf einer weißen Wiese ein einsames Pferd auf, mit kleinen Eisbommeln an Fell und Mähne. Wir trösten uns gegenseitig etwas, bevor ich mich wieder umdrehe, dem Wind das Gesicht hinhalten muß und weiterziehe. Bald gibt es die ersten Schneeverwehungen auf dem Weg, die bis zu den Knien reichen und spätestens jetzt ringt mir jeder Meter Weg einen lautlosen Kampfschrei ab. Irgendwann muß doch endlich die Straße kommen. Dann wird bestimmt alles besser.

Die Straße kommt, in Gestalt eines durchgängig gefrorenen Eisbandes. Ich gehe im Straßengraben, auch wenn der Schnee da tief und das Gehen mühsam ist, aber auf der vollkommen vereisten Straße finde ich selbst mit meinem Wanderstiefeln kaum Halt. Jetzt kommt der Wind genau von vorne, ich halte Mütze und Kapuze fest, damit sie mir noch vom Kopf wehen und irgenwann bin ich am Paß. Kurz vor der Kreuzung kommt mir ein Range Rover entgegen, dessen Insassen beim meinem Anblick die Augen aus dem Kopf fallen, als ich aus der Suppe auftauche. Ich grüße grinsend und biege rechts ab auf die D52 und plötzlich ist alles gut.

Der Wind kommt jetzt von hinten. Es geht bergab. Dann liegt die Straße im Windschatten. Bald darauf hören die Eisplatten auf der Straße auf und ich kann wieder normal gehen. Es wird wieder wärmer. Und der Rest ist ein Spaziergang. Noch ein paar Kilometer die Straße entlang, dann taucht mein Berggasthof auf. Ein Schaudern überkommt mich bei dem Gedanken, wie schräg doch die Tatsache ist, daß ich mich stundenlang mit 50m Sichtweite durch Niemandsland kämpfe, um dann am Abend an einem Ort aufzutauchen, an dem man mich erwartet. Mit Dusche und Bett und Abendessen. Draußen heult der Wind.

Und es wird noch besser. Die Wirtsfamilie ist freundlich, meine Wanderkarten für die nächsten Wochen, die ich per Post hierher bestellt hatte, sind gerade heute Mittag angekommen, das Zimmer ist warm, die Dusche heiß und zum Abendessen gibt es - endlich - Pasta. Darauf hatte ich schon seit Wochen mal wieder Lust. Ich trinke zufrieden ein Bier, schaue aus dem Fenster runter ins Tal und zig Kilometer in die Ferne, wärme mir den Rücken am Kamin, während draußen der Wind heult und die Sonne langsam hinter die nächste Bergkette rutscht.

Als ich nachts nochmal wach werde, ist der Himmel tiefschwarz, im Tal leuchten die paar gelben Lichter von St-Germain-du-Teil und ich sehe meinen schönsten Sternenhimmel seit Jahren. Nur die Kälte der Nacht treibt mich schnell wieder ins Bett. In Sicherheit.

Montag, 16. April 2012

Tiefpunkt.

Sonntag, 15.04.2012
Espalion nach St-Geniez-d'Olt
7 h / 33 km

Es beginnt eigentlich alles ganz gut: Der schräge Polenmarkt vor meinem Zimmerfenster, der über Nacht aus dem Boden geschossen ist. Die Sonne, die sich schon am frühen Vormittag durch den Dunst drückt. Der kleine Laden, in dem ich das letzte Demi-Baguette für diesen Sonntag ergattere.

Aus Espalion raus, am Fluß entlang. In der ersten Stunde begegne ich 18 Pilgern. Das Highlight dabei: Die Familie mit drei Kindern so zwischen 8 und 12 Jahren, die zu fünft unterwegs sind. Die Kinder tragen keine Rucksäcke, Vati hat ein Wägelchen hinter sich geschnallt, darauf türmt sich das gesamte Familiengepäck. So kann ein lautes Ja! zur Familie auch aussehen.

In St-Come verlasse ich den Jakobsweg, diesmal wahrscheinlich endgültig. Stilecht ziehe ich auf der Landstraße weiter und stelle fest, daß meine Entzugserscheinungen in puncto motorisierte Fortbewegung immer schlimmer werden. Ich bin soweit, daß ich sehnsuchtsvoll der Gruppe Motocross-Fahrer hinterher schaue, obwohl ich eigentlich mit Motorrädern nix anfangen kann. Ich bin auch schon soweit, daß ich dem regionalen Lotus-Club bei seiner sonntäglichen Ausfahrt mit einem tiefen Seufzer zuwinke, als sie die Serpentinen raufbrettern, obwohl ich diese Karren irgendwie schon immer ein wenig lächerlich fand. Und ich bin schon lange soweit, daß ich mir an jeder dritten Straßenecke vorstelle, daß hier entspanntes Cruisen mit meinem Suburban bestimmt auch eine schöne Urlaubsbeschäftigung wäre.

Diese Gedanken sind wie eine Rampe. Eine Rampe, auf der ich hinab in die schlechten Gedanken rutsche. Manchmal gibt es solche Tage, heute habe ich wieder einen erwischt. Was mache ich hier eigentlich? Zuhause könnte ich so viele tolle Sachen machen! Wo will ich eigentlich hin? Wieso quäle ich mich eigentlich jeden Tag weiter? Was versuche ich hinter mir zu lassen? Wovor renne ich eigentlich weg? Fragen, auf die ich gerade an solchen Tagen nie eine Antwort finde.
Mein Reflex in solchen Momenten ist: Musik an, Kopfhörer rein und weiter. Leider macht es dieser Reflex meistens nur noch schlimmer. Egal, welche Musik ich heute auswähle, ich rutsche weiter hinab und als es kurz darauf auch leise zu regnen anfängt und bis zum Ende der Tour auch nicht mehr aufhören wird, ist der Tag perfekt. Die nächsten vier oder fünf Stunden lassen sich am besten mit dem Gefühl einer Busfahrt im Regen ohne Ton beschreiben. Immer entlang des Stausee-Ufers, der Weg geht mich, die Landschaft zieht an meinen Augenwinkeln vorbei und ich nehme nichts mehr wahr. Die Musik macht alles erst erträglich, aber auch porös und auswechselbar. Die wievielte Flußschleife ist das da gerade? Keine Ahnung. Egal. Immer geradeaus. Ich will nicht anhalten, ich will nichts trinken, ich will weiter. Ich will es hinter mich bringen.

Das nächste Dorf zieht mich zum Glück wieder aus diesem Sumpf heraus. Es gibt Idyllenschwerpunkte wie enge Gassen, eine alte Mühle, ängstliche Katzen und plötzlich kippt die Stimmung ins Gegenteil. Weiß der Geier warum, vielleicht ein Zeichen meiner einsetzenden Wunderlichkeit. Ich schmunzele über das verzweifelt-bittende Hinweisschild einen Kilometer weiter an der Hauptstraße "Besuchen sie Sainte-Eulalie-d'Olt!", gefolgt von der poussierenden Aufzählung, was der Ort alles zu bieten hat. Ich lache boshaft über das Feriendorf ein paar hundert Meter weiter, dessen Ferienbungalows aussehen wie eine Sträflingssiedlung aus den 50er Jahren. Ich freue mich in Saint-Geniez über das alte Ehepaar, das Hand in Hand durch die leeren verregneten Straßen spaziert. Ich registriere mit wohligem Stöhnen das Vorhandenseins sowohl eines ordentlichen Bäckers als auch eines kleinen Ladens gleich neben meiner Unterkunft.

Abends sitze ich im Hotel wieder als einziger Gast in einem sehr großen Speisesaal zusammen mit 80 leeren Plätzen und bestaune den Glanz der vergangenen Zeit, der hier eindeutig durch weht. Marmorboden, Stuck an der Decke, das hier war unbestritten mal das beste Haus am Platz. Wer was zu feiern hatte, ging ins "Hôtel de France". Viel ist nicht mehr davon übrig, aber trotzdem gewinnt mein Quartier für heute Abend all the awards. Kleinigkeiten wie ein freundliches Wort beim Abendessen, ein "grand lit" oder eine Mülltüte im Mülleimer reichen. Zufälligerweise heißen sowohl der schlimme Laden von gestern Abend als auch dieser hier beide "Hôtel de France", beide kosten 49 EUR die Nacht, beide befinden sich jeweils in einer traurigen Kleinststadt, aber was für Unterschiede. Während ich mein Bier austrinke, denke ich lange darüber nach, was den Unterschied zwischen Wohlfühlen und Verzweiflung in der Fremde ausmacht. Meine schlechten Gedanken von tagsüber sind verflogen, die komatöse Glühbirne in der Lampe neben meinem Bett macht mir zum Einschlafen noch ein bißchen Diskolicht.

Samstag, 14. April 2012

Bergtraining.

Samstag, 14.04.2012
Entraygues-sur-Tryuère nach Espalion
7,5 h / 28 km

Die Bäckersfrau von gestern Abend erkennt mich sofort wieder, weil ich mit meinem Rucksack wieder nicht durch die Tür passe. Und sie ist nicht überrascht, als ich wieder Törtchen bestelle: Es gibt noch Himbeer... Das Frühstück im Hotel habe ich ausfallen lassen, für deutlich weniger Geld kriege ich hier viel köstlicheres Zeug mit auf die Hand. Draußen stehe ich lange vor der örtlichen Orientierungstafel und studiere die örtlichen Wanderwege.

Die erste knappe Stunde geht es denselben Weg zurück, den ich gestern schon gelaufen bin. Für mich die größte Strafe, aber anders geht es in diesem Fall nicht. Entlang des Lot-Tales führen nicht allzuviele Wege, also wer will wählerisch sein, der Tag wird sowieso hart genug. Nach ein paar hundert Höhenmetern geht es über zwei Stunden am oberen Rand des Tals parallel zum Fluß entlang. Das Wetter hebt sich, aus den klassisch-kühlen Morgenstunden ist ein warmer Mittag geworden, die Sonne schiebt sich zwischen den Bäumen bis in den Wald vor und alles duftet. In einer großen Pfütze beobachte ich Kaulquappen und irgendwas in Richtung junger Molch beim Sonnen. Als ich damit fertig bin, freue ich mich die nächste halbe Stunde beim Gehen, daß ich endlich die Zeit und die Ruhe für eine solche Beschäftigung habe.

Kurz vor der Landstraße, die mich endgültig aus dem Tal raus auf das Plateau bringen wird, treffe ich das Wandererpäarchen wieder, die ich vorhin schonmal im Wald getroffen habe. Da sind sie mir auch schon entgegen gekommen...? Ich grüße freundlich und lächle meine Fragezeichen weg, später fällt mir wieder ein, daß es da eine Art Rundweg gab. 
Oben kommt dann auch der Jakobsweg wieder, den ich gestern Nachmittag nach Norden verlassen hatte,. Und es dauert im Ernst keine zwei Minuten und ich treffe die ersten Pilger.

Hinter Saint Rames geht es die ganzen mühsam erkämpften Höhenmeter wieder runter zum Fluß, vorher serviert mir die Straße aber noch ein 180°-Panorama der nächsten 40-50 Kilometer. Links sieht man die langsam immer höher werdenden Schatten des Massif Central, nach rechts hin wird das Land wieder weiter und flacher. Ich sitze lange unter einem Baum und gucke, bis sich die erste Ameise auf meine Hose verirrt. Wieder auf eine Ameisenstraße gesetzt...


An Estaing vorbei, schönes altes Dorf sicherlich, Pilgerstützpunkt auch natürlich, ich gönne uns beiden aber nur ein paar Sekunden für zwei Fotos und bin wieder weg. Es ist schon spät, die schönen kleinen Waldwege an den Hängen haben nun mal ihre Zeit gebraucht und ich habe noch ungefähr 11 Kilometer vor mir. In Verrières fallen die ersten Tropfen. Ich fluche ein bißchen zu laut auf Deutsch, weshalb sich der heckeschneidende Opa nochmal umdreht und mich mit fragenden Augen anschaut. Nachdem ich wieder den ganzen Tag im Hemd gehen konnte, ist jetzt erstmal wieder Vermummungspflicht angesagt. Unschlüssig lasse ich die Jacke erstmal weg, beobachte statt dessen den Nässegrad der wenigen Autos, die mir entgegen kommen und irgendwie fängt der Regen nicht richtig an, hört aber auch nicht richtig auf. 

Die letzten zwei Stunden im Stechschritt beim Versuch, noch vor der Nachmittagsdusche anzukommen, vorbei an den mißtrauischen Jung-Gendarmeristen, der Oma im R4, die alle Gänge voll ausfährt, der neugierigen Familie im alten Renault Espace, die alle die Hälse verrenken, um mich besser sehen zu können.

Und irgendwie klappt es. Bis auf das bißchen Nicht-Naß bin ich heute wieder trocken geblieben, mein Hotel findet sich in Espalion direkt am Marktplatz. Es gibt einen traurigen Jahrmarkt, der aus einem einsamen Kinderkarussell besteht, das gerade "Life is life" spielt, als ich vorbeilaufe. Die ganzen Restaurants und Bars sehen sehr geschlossen aus (und werden es auch den Rest des Abends bleiben). Zum ersten Mal in meinem Leben gehe ich mit meinem Zimmerschlüssel wieder zur Rezeption und verlange ein anderes Zimmer, denn ich hätte für mein Klo dann doch gerne eine Klobrille gehabt und nicht nur die nackte kalte Keramik. Ich kaufe wieder zuviel Abendessen-Picknick im Laden neben an, denn das Restaurant hat seit Monaten geschlossen, sitze in einem blaugrünen Hotelzimmer und sage mir schon den x-ten Abend in Folge: Ich muß wieder raus aus den Vertreterhotels. Ich hatte gehofft, daß nun endlich der Regen über Espalion einsetzt und das abgestorbene Kleinstadtleben aus den Straßen spült, aber selbst dazu kann er sich heute nicht entscheiden.



Freitag, 13. April 2012

Für Wiebi.

Alles für die Tierernährung...

Und am Abend: Törtchen.

Freitag, 13.04.2012
Conques nach Entraygues-sur-Truyère
6,5 h / 26 km

Kein Regen! Nur Nebel! Ich traue dem Frieden nicht, als ich aus Conques rausstapfe, nur schnell noch ein paar Fotos schieße, weil ich deutlich mehr Lust auf Laufen als auf Fotosafari habe. Vorhin bin ich in meine nassen Klamotten geschlüpft, die von gestern Abend nicht trocken geworden sind, jetzt kriege ich als kleine augenzwinkernde Erinnerung daran einen Ausblick auf die Kapelle auf der anderen Talseite serviert, wo ich mich gestern Nachmittag vor dem Regen verkrochen hatte -- die Nebelschwaden hängen genau darüber.


Beim Aufstieg verliere ich im Nebel leicht die Orientierung (wieso geht es denn plötzlich LINKS in den Abgrund, das müsste doch eigentlich rechts...?), aber oben wird alles gut und plötzlich kommt die Sonne raus. Sonne. Ich stelle mich in die Sonne wie ein Murmeltier nach dem Winterschlaf und mache erstmal die Augen zu. Als ich sie wieder aufmache, dampfen meine Klamotten in der Sonne. 'errlisch! (Einschub: Hatte ich mich vor wenigen Wochen nicht noch schwer über zuviel Sonne und 27° beklagt? Habe ich nicht just gestern Abend in einem unfairen Wettebwerb die Sonnencreme zum nutzlosesten Gegenstand im Rucksack gekürt? Einschub Ende.) Oben auf dem Plateau kommen mir auch schon wieder fröhlich die ersten Pilger entgegen. Es war zu erwarten.


Die Sonne löst den Nebel in den Tälern ringsum auf und dampft die Feuchtigkeit aus den Wiesen, an die Wolkentürme überall links und rechts kommt sie aber nicht ran. Plötzlich sehe ich vorne links was sehr weißes - äh... ach du Scheiße. Schneebedeckte Berge. So hoch sehen die gar nicht aus. Und so weit weg auch nicht. Das kann ja heiter werden...

Nach drei Stunden laufe ich in Sénergues ein, ein Straßenschild weist an mein Etappenziel: "Entraygues 25km". Ich stehe vor dem Schild und schaue abwechselnd auf die 25 und auf meine Karte und versuche diesen beiden Pole zueinander zu bringen. 25 km kann. nicht. sein. Erstens wären das noch locker 5-6h Weg, zweitens kann das einfach nicht sein. Ich verbiete mir, weiter drüber nachzugrübeln und schiebe alles auf die sicherlich großen Umwege, die die Landstraße bestimmt machen wird. Nur ein paar Minuten später der nächste Schlag in die Magengrube: Frische Wäsche auf der Leine, der Duft weht bis rüber zu mir. Plötzliches Heimweh kommt auf, schnell weiter, hilft alles nichts, ich lege einen Zahn zu und biege um die nächste Ecke.


Als ich kurz darauf in Espeyrac in Richtung Norden vom Jakobsweg abbiege, um nach Entraygues zu kommen, steht der Pilgerzähler für heute auf 59. Ich möchte nicht wissen, was hier im Mai oder August los ist... Auf der Landstraße bergauf grüßt mich freundlich der Fahrer des Kleintransporters von Transbagages, der für die bequemeren oder weniger fitten Pilger die Rucksäcke von Etappenziel zu Etappenziel transportiert. Jetzt weiß ich ja wenigstens auch, was dieser seltsame Haufen mit Reisetaschen heute früh im Hotelflur sollte...

Hinter Gours wird es etwas abenteuerlich. Nachdem ich vermeiden will, den ganzen restlichen Weg auf einer größeren Landstraße ins Tal zu laufen, suche ich mir kleine Wege durch die verbleibenden zwei Täler, bis endlich das Lot-Tal vor mir liegt. Endlich verändert sich die Landschaft, endlich läßt sich sowas wie ein Vorankommen spüren. Bis jetzt dürften es ungefährt 750 Kilometer gewesen sein, die ich unterwegs bin. Aber nach wie vor kann ich diese Strecke überhaupt nicht einordnen. Die ersten Wochen durch das kleinteilige Hügelland sind von ein paar Tagen in der Ebene unterbrochen worden, dann kam wieder Hügelland. Jetzt liegt was Neues, Größeres vor mir, wie mir mit dem Blick in das Tal und dem Gedanken an die weißen Bergspitzen vom Mittag langsam klar wird.


Ein super Tag, ich laufe endlich mal wieder im Hemd, fühle mich endlich mal wieder nicht naß und mein Tagesziel liegt mir schon zu Füßen. Die feuchten Klamotten hängen hinten an meinem Rucksack und baumeln im Wind einer trockenen Zukunft  entgegen, was mich schwer motiviert. Es ist trocken geblieben, aber ich fotografiere vorsichtshalber nochmal schnell die Wolke, die mir bestimmt gleich die Nachmittagsdusche verpaßt und fünf Minuten später fallen auch schon die ersten Tropfen. Meine Kiefer mahlen vor Wut... Zwanzig Minuten vor dem Ziel... Aber wie ein boshafter Witz läßt es die Wolke bei 18 Tropfen bleiben, einfach nur um mich daran zu erinnern, wer hier der Stärkere ist.


In Entraygues angelt alles am Fluß, ich finde den kleinen Dorfladen und decke mich mit Orangina ein, danach Besuch beim Bäcker und der Bäckersfrau, die mich beim Vorbeigehen schon feindselig angeguckt hat, weil ich nicht sofort in ihren Laden gegangen bin. Auf der Mauer neben dem Fluß gibt es für mich Mini-Quiche, Orangina und die Vorfreude auf sowohl Zitronen- als auch Erdbeertörtchen. Später, wenn der kleine Hunger wiederkommt. Im Hotel verzichte ich dankend auf Abendessen und Frühstück und freue mich statt dessen lieber auf den morgendlichen Besuch beim Bäcker nebenan. 

Das Hotelzimmer ist nett, aber ein bißchen schräg. Rosentapete, Rosenkacheln, Rosenmülleimer. Und die gleiche Tagesdecke wie letzte Nacht. Als ich mich noch über die halbe Badewanne wundere, die wahrscheinlich für Sitzbäder konzipiert wurde, fällt auch bei mir der Groschen. Mir war es nicht gleich aufgefallen, aber in diesem Badezimmer liegt Teppich auf dem Boden. Hab ich auch noch nicht gehabt...

Donnerstag, 12. April 2012

Geländewagen-Raten. Teil 2.

Und nein, es ist nicht dieselbe Karre wie beim letzten Mal. Zumindest nicht ganz. Quasi die Fortgeschrittenen-Frage...

Pilgerzähler: Neunzehn und steigend.

Donnerstag, 12.04.2012
Decazeville - Conques
6 h / 23 km

Das alte Spiel, an allen Fronten. Abends bin ich zärtlich und vergebe meinem Hotel gerne den ein oder anderen Murks, morgens ist das Licht der Realität wieder da und man sieht leider nur zu deutlich, was man sich da ins Bett bzw. in wessen Bett man sich da... Whatever. Beim Frühstück erlebe ich den bisherigen Tiefpunkt in der Disziplin "Arschigkeit": Ich komme in den Frühstücksraum (= die Bar, nur mit angeschaltetem Putzlicht), da steht noch genau ein Tisch mit Tassen und Teller für zwei, wo ich mich natürlich hinsetze, um zu frühstücken. Als der Kollege mich die obligatorische "Kaffee oder Tee"-Frage gefragt hat, macht er sich doch tatsächlich daran, direkt vor meiner Nase von den zwei Croissants und zwei Baguette-Stückchen jeweils eines aus dem Brotkorb auf meinem Tisch rauszunehmen. Ist ja für zwei gedeckt, also doppelte Menge, ist ja nur ein Frühstücksgast, kriegt er also auch nur die Hälfte. Das Croissant hat er schon in den Pfoten, aber bevor er sich auch noch das Baguette schnappt, mache ich ihm klar, daß ich das ganz gerne essen würde. Entsprechend saftig beobachtet er mich von seinem Bunkerplatz hinter dem Tresen und ich lasse mir boshaft extra viel Zeit und krümele extra viel auf den Boden.

Ich schiebe alles auf Decazeville, das am Vormittag noch komatöser aussieht als gestern, weil jetzt plötzlich irgendwie auch alle Läden zu haben und ziehe schnell in Richtung Ortsausgang. Bei der ersten Abzweigung lande ich sofort auf dem Jakobsweg und während des folgenden Aufstiegs kommen mir mal gleich insgesamt sieben Pilger entgegen. Natürlich hat es inzwischen wieder angefangen zu regnen und man kann die Herrschaften alle schön an ihren Ganzkörper-Regenponchos in Rot oder Olivgrün erkennen, unten ragen immer zwei Wanderstöcke raus, die beim Gehen ganz wundervoll in den Ponchos rascheln. Wie reichhaltig plötzlich die Straßenmöblierung ausfällt. Brunnen mit Trinkwasser an allen Ecken, Picknicktische, Bänke, einladend offen stehende Scheunen am Wegesrand... Ich wühle mich vielen tapferen Bonjours durch den Gegenstrom der Pilger und bekomme nach Nummer 11 und 12 langsam ins Grübeln, warum die alle so glücklich gucken. Hoffentlich schaue ich nicht auch so beim Laufen. (Später werde ich feststellen dürfen, daß irgendeiner der 19 Pilger ständig Herzen in den Matsch malt. Vielleicht lasse ich mir da auch mal was Schönes einfallen...)

Oben auf der Hügelkette eröffnen sich - solange es die Wolken eben zulassen - weite Aussichten tief ins Land, in alle Richtungen, den ganzen Tag über läßt der Horizont unter den Wolken immer wieder eine kleine Vorstellung dessen aufblitzen, was einen in der Ferne erwarten könnte. Mein Blick hängt bang am Nordosten, ich will Berge sehen, muß aber noch ein oder zwei Tage darauf warten. Ich folge knallhart dem Jakobsweg (in die entgegengesetzte Richtung) und bin fortan erstmal komplett weg von allen Straßen und Bauernsträßlein. Kleine schlammige Wege, auf denen man sich auch mit beschlagener Brille anhand der Pilger-Fußspuren im Matsch sehr gut von der Richtigkeit der Richtung überzeugen kann.

Der Weg ist knallhart quer zu den Hügelketten markiert, der Tag ist also ein einziges Rauf und Runter. Macht nix, auf meinem "Normalweg" über die kleinen Landstraßen wäre ich wahrscheinlich sowieso viel zu früh angekommen. Kurz hinter Prayssac nehme ich mitten auf dem Feld an einer kleinen telefonischen Meinungsbefragung im Auftrag der Agentur für Arbeit teil, treffe sofort danach die nächsten Pilger, die standfest behaupten, sie hätten heute sonst noch keine anderen Pilger getroffen. Na, dann wartet mal ab... Wahrscheinlich drücken sie sich heute Abend alle - sich wissend und trotzdem gegenseitig ignorierend - durch die bröckelnden Straßen und Hotels von Decazeville und suchen verzweifelt nach der Romantik einer Pilgerreise.


Pilger Nummer 15 wandert in kurzen Hosen und entpuppt sich - natürlich - als Schwabe. Ein paar nette Worte reichen und jeder zuckelt in seine Richtung weiter. Die einzige Pilgerin, mit der ich länger ins Gespräch komme, ist Nummer 19, ist eine ältere Dame, die mir auf einer langen Steigung alleine entgegenkommt. Ich hatte so spät am Nachmittag gar keinen Gegenverkehr mehr vermutet, denn bis Decazeville sind es von hier aus sicherlich noch 4 Stunden. Aber jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.

Kurz vor dem Abstieg nach Conques wird das ständige klein-klein-mal-ein-bißchen des Regens innerhalb von ein paar Minuten wieder eine amtliche Dusche, die ich - nachdem ich den Kragen hochgeklappt und die Kapuze fester gezogen habe - schicksalsergeben als die tägliche Nachmittagsdusche akzeptiere, die dafür sorgt, daß ich wenigstens anständig naß ankomme, wenn ich schon über den Tag relativ trocken geblieben bin. Der Regen erreicht das Niveau, auf dem der anständige Wanderer hektisch nach Unterschlupf suchend um sich blickt und ich erinnere mich dunkel, auf der Karte irgendwo beim Abstieg eine Kapelle gesehen zu haben. Bingo. Noch zwei Wegbiegungen und ich bin im Trockenen. In der Kapelle warten zwei Omis mit Enkeln darauf, daß sie zur nächsten Pizzeria weitergehen können (das mußten sie den Jungs nämlich versprechen, ansonsten wären sie nicht zum Wandern mitgekommen) und nachdem ich alle Fragezeichen, wieso ich "aus der falschen Richtung komme" aufgelöst habe, witzeln wir ein bißchen über Pilgerfleiß und Pilgerernst.

Über eine uralte Brücke nach Conques, das schon wieder so verflucht historisch-malerisch anfängt, daß ich sofort versucht bin, wieder Fotos zu machen. Nachdem ich aber mehrere Minuten lang abwechselnd meine Brille und das Objektiv geputzt habe, weil immer eines von beiden beschlagen war, gebe ich es auf und verschiebe die Fotos auf morgen. Wenn überhaupt.

Das Hotel ist auch für eine abendliche Ankunft im Regen arg, neben die Brandlöcher in der Bettdecke reihen sich die Spinnweben an der Wand, der Kronkorken von meinem Vorgänger neben dem Schrank und der atemberaubende Geruch von jahrealtem Staub, der beim Anwerfen der Elektroheizung verbrennt. Vom Rest ganz zu schweigen. Dennoch: eine Badewanne, ein warmes Essen und ein Bier zum Nachtisch stellen sowas wie Zufriedenheit her, die allerdings nicht soweit reicht, als daß ich heute Nacht auf die Oropax verzichten würde, denn jede Klospülung in den Stockwerken über mir ergibt einen lauten rauschenden und plumpsenden Schwall in der Wand neben meinem Bett.

Mittwoch, 11. April 2012

Am Ende wird alles gut.

Mittwoch, 11.04.2012
Foissac nach Devazeville
8 h / 32 km

Der Tag startet hart. Auch wenn ich mich in meinem Eintrag von gestern Abend frei von Ärgern und Meckern über Hotels gemacht habe, verlasse ich nach einem lieblosen Frühstück ein freudloses Hotel in einen trostlosen Tag. Als ich meine Rechnung bezahlen will, vollführt der alte Herr im Jogginganzug noch ein minutenlanges Ballet mit vier Türen, bevor er zur Sache kommt und ich meine Nacht bezahle. Zur Abschreckung habe ich für Erinnerungszwecke die Aussicht aus meinem Badezimmerfenster auf die Flaschensammlung des Etablissements fotografiert sowie eine kleine Panoramaaufnahme incl. der Bestlage neben der Tankstelle aufgenommen. Damit ich das ja nicht vergesse. 

Denn nur eine gute Stunde später laufe ich an der zweiten vorab recherchierten Alternative für die vergangene Nacht vorbei: Ein kleines Hotel, das sich richtig Mühe gibt. Schön in einem einsamen Tal gelegen, altes Steinhaus, schöne Terrasse usw... Das nagt dann doch noch ein bißchen in mir, während ich vorbeiziehe und mir ausmale, wie wundervoll das hier doch hätte sein können...

Über mir die große Wetterdrohung, unter mir die kleinen Pfade. Immer wieder regnet es ein bißchen, aber nur genau soviel, daß ich nicht die komplette Regenchose anlegen mag. Der Himmel ist grau, sehr grau, aber immerhin haben die Vögel in den Hecken den Mut noch nicht verloren und das ist immer ein gutes Zeichen. Die Straße ist heute gnädig und all die kleinen Pfade, die ich mir auf der Karte so ausgesucht habe, existieren wirklich und sind auch frei von Stacheldraht und Elektrozaun. Ein Novum. 

Schon bald stoße ich wieder auf eine Jakobswegmarkierung und im Wesentlichen laufe ich heute - mit Ausnahme einiger mißtrauischer Straßenetappen - den Jakobsweg in die falsche Richtung. Über lockere Waldwege, durch geheime Pfade zwischen den Feldern hindurch, quer über kurz geschnittene Wiesen. Mein Begleiter ist die rot-weiße Wegmarkierung, die ich inzwischen sehr liebgewonnen habe. Immer öfter vertraue ich ihr und schlage Wege ein, die ich in der Form eigentlich gar nicht geplant hatte. Auch die schöne zwei Kilometer lange Etappe durch den Wassergraben (längs...) hake ich elegant-verständnisvoll ab unter dem Thema "Da wollte der örtliche Wanderverein mal ein besonders spannendes Stück Weg markieren...".

Den ersten größeren Regenschauer warte ich in der offenen Scheune eines verlassenen Bauernhofes ab. Ich telefoniere ein bißchen, belustige mich an den erstaunten Blicken der vorbeifahrenden Autofahrer und als plötzlich die Sonne wieder hervorkommt, bin ich schon wieder unterwegs. Bäume und Felder sind durch den Regen der letzten Tage merklich grüner geworden, das grau-blaßgrün der letzten Woche habe sich schleichend in eine Palette aus blaß- bis sattgrünen Farbtönen entwickelt. Als mit meine Mutter am Telefon stolz erzählt, daß zuhause schon die Kirschen und der Raps blühen, lache ich nur zaghaft -- das hat's hier schon seit Wochen.

An einem namenlosen Bauernhof bellt mich mit tiefem Bass ein Hund aus der Garage an -- und die Garage steht offen. Heraus kommt ein großes graues Monster mit einem Kiefer, der zum Zubeißen gezüchtet wurde. Aber irgendwie geht alles gut mit uns beiden. Zwei-drei ruhige Worte und der Kollege wird neugierig und will dann doch kuscheln. Als ich ein paar Minuten später weiterziehe und der Nachbarshund mit seinem Bellkonzert beginnt, wird mein neuer Freund auch wieder laut. Allerdings nicht in meine Richtung, sondern in Richtung Nachbarshund, was ich irgendwie sehr rührend finde.

Der Rest des Tages geht unter in dem üblichen Spiel des Wanderers mit den Wolken. Es regnet ein bißchen, ich ziehe meine Jacke an, es hört wieder auf und als ich meine Jacke wieder ausziehe, fängt es wieder an. Bis ich nach Aubin absteige, denn nun regnet es sich ein. All meine Pläne, mich von hier über kleine Wege nach Decazeville durchzuschlängeln, ertrinken in den Bindfäden, die auf die Straße einprasseln und ich schalte wieder auf Lokomotivmodus. Kapuze auf, Rucksack enger schnallen und über die viel befahrene Landstraße geradeaus, quer durch den Regen. Auch wenn zwischendurch immer mal wieder Verzweiflung aufkommt, ist das immer noch das Beste, was man in so einem Moment tun kann. Trotzdem komme ich patschnaß an.

Der Einmarsch in Decazeville passt zum Wetter, eine bröckelnde Stadt mit vielen leeren Läden und vielen mühsam standhaltenden Geschäften. Seine guten Zeiten sind schon lange vorbei.

Das Hotel Malpel ist von außen ein grober Klotz, der mir neben einem "Ach du Scheiße!" sofort die Frage entlockt, ob ich mit der Auswahl meines Nachtlagers in diesem Fall nicht total ins Klo gegriffen habe. Aber wie so oft habe ich Unrecht. Die Dame an der Rezeption wartet schon auf mich und hat sogar meinen Namen parat. Im Badezimmer entdecke ich eine große Badewanne und während das Wasser einläuft, hole ich mir ein frischgezapftes Bade-Bier von der Bar. Die Sonne kommt draußen wieder zum Vorschein, durch das Fenster des Badezimmers fällt ein schmaler Spalt scharfes Licht und das hellblaue Wasser in der Wanne glitzert mich an und wirft Blitze an die Decke. Das Restaurant ist voll und das Abendessen ist endlich mal was komplett anderes als die letzten Tage und die Dame von der Rezeption serviert jeden Gang mit einem kleinen verschmitzten Lächeln und einer Nettigkeit, die ich auch mit meinem halben Französisch verstehe. 

All die Sorgen, daß der morgige Tag viel zu kurz ist, daß es in den nächsten Tagen bis auf 1.200m hoch ins Massif Central geht, ob meine bestellten Wanderkarten wohl auch rechtzeitig geliefert werden, damit ich sie abholen kann -- alles weg. Ich höre durch das offene Fenster noch ein bißchen den Rauchern unten vor dem Hotel zu und bin glücklich für heute.