Mittwoch, 25. April 2012

Ab in die Top 5.

Mittwoch, 24.04.2012
Le Bez nach Valgorge
19 km / 6,5 h

Zum Aufwachen Sonne. Zumindest auf den ersten Blick. Auf dem Dach vor meinem Zimmerfenster liegt Schnee, im Tal dahinter schwere Wolken und der Wind pfeift kräftig. Ich bleibe mißtrauisch, denn optisch genauso ansprechend sah es auch gestern an meinem Pausentag aus. Drei Stunden Sonne, danach den ganzen Tag durchgehend saftigen Regen. Wehe, wenn sich das heute wiederholt.

Der Tag ist eigentlich viel zu kurz, ich hatte gestern schon fast überlegt, zwei Touren zusammenzufassen, aber nach einer halben Stunde Grübeln kam der erlösende Gedanke: "Wozu die Hektik?". Nachträglich bin ich froh drüber: Es wird ein spektakulärer Tag werden. Hoch über den Schluchten von Borne, durch verfallene Bergdörfer, an mittelalterlichen Festungsanlagen vorbei, liebliche Wege runter ins Tal, Rückkehr der Wärme und des Grüns und - Restaurantballett. Aber der Reihe nach...

Beim Loslaufen verstehe ich erstmal, wieso vorgestern bei meiner Ankunft ein alter Mann mit Anzug jovial auf den Parkplatz gepisst hat: Der Berggasthof steht auf der Wasserscheide zwischen Atlantik und Mittelmeer. Leicht beruhigt kippe ich in Richtung Mittelmeer, nehme erstmal den falschen Weg und schleiche mich 10 Minuten später wieder beschämt an den Fenstern der Auberge du Bez vorbei.

Oben am Hang entlang, hoch über den Schluchten der Borne, die unten deutlich rauscht und sich ab und zu mit tiefgrünem Wasser zwischen den Felsen zeigt. In der Ferne kann ich weiter hinten im Tal den Weg erkennen, den ich später entlang eiern werde. Steil bergab vorbei am Bergdorf Les Chazalettes, von dem nur ein einziges bewohntes Haus übrig geblieben ist. Der Rest steht leer oder ist schon vor Jahrzehnten eingestürzt. Nur eine alte Frau mit Hund scheint hier noch durchzuhalten, im Sommer werden wohl zwei der Häuser noch als Feriendomizil genutzt. Der Weg hält sich an den uralten Verlauf des Bergpfades, mit dem die Bewohner des Dorfes ihre Häuser früher vom Tal und dessen Hauptort Borne aus erreichen konnten. Ein schmales, in Serpentinen gelegtes Steinband, aufgeschichtet in kleine Terrassen, mit Begrenzungsmauern und an vielen Stellen großen Steinplatten, die ein komfortables Gehen ermöglichen. Was muß das für eine unendliche Arbeit gewesen sein, diesen kilometerlangen Weg zu bauen, zu verbessern, zu erhalten. Tonnenweise Steine zu schleppen, sie kunstvoll zu Mauern zu stapeln, dem steilen Hang einige ebene Quadratmeter abringend.


 
Eine gute Stunde später erreiche ich den Ausgang unterhalb von Borne, der Hauptort des Tals ist gerade mal 40 Einwohner stark. Als ich locker in den Weg runter zur Brücke einbiege, falle ich fast rückwärts vom Stuhl, als ich um die Kurve kommt und die Rückseite des riesigen Felsens in der Talmitte sehe. Ein mittelalterlicher Wehrturm, der die Brücke über die Borne bewacht hat. Unten am Fluß entdecke ich auch noch die Ruinen von weiteren Befestigungen, unter anderem des Torhauses. Bitter enttäuscht, daß hier kein Historienfreund eine ausführliche Informationstafel aufgestellt hat, mache ich mich an den Aufstieg zum Croix de Toutes Aures.


Schnell wird es ungemütlich. Wind, Regen und ein bißchen Schnee kommen von Westen in das Tal und pfeifen über den Paß. Oben angekommen schenke ich mir die Verschnaufpause und warte lieber noch ein paar Minuten, bis ich auf der anderen Seite im Windschatten bin. Hinter dem nächsten Dorf kriege ich dann das Tal-Panorama ins Gesicht geschmettert. Links Berge, rechts Berge, in der Mitte ein Tal, das in der Ferne in sanften Hügeln ausläuft und schonmal erahnen läßt, daß da hinten das Rhône-Tal liegt.


Überall Ginsterwiesen, von denen schon einige vorsichtig leuchtend gelb blühen. Im Juni zur Hauptblütezeit müssen alle diese Berghänge in knallgelb erstrahlen und das ganze Tal duften. Das tut es bisher eindeutig - nicht.

Ich mache mich an den Abstieg, der mich in sanften Schleifen über Kilometer entlang des Hanges langsam und stetig nach unten bringt. Wieder über Steinwege, die vor vielen Jahren gebaut wurden, als es noch keine Straßen gab und diese Wege die einzigen Verbindungen zu den Bergdörfern waren. Mit Sicht auf das Tal und die Berge gegenüber ziehen die Stunden und Kilometer vorbei und nur die französische Armee, die in dieser Ecke Luftkampfübungen mit ihren dreieckigen Kampfjets durchführt, die immer wieder fauchend über Berge und Täler hinweghuschen, trübt die Idylle. Trotzdem notiere ich mir im Laufe der Tour diesen Tag auf der schlampig geführten Liste der Top 5 meiner bisher schönsten Wandertouren.

Je tiefer ich komme, umso mehr kehrt der Frühling zurück. Es wird immer wärmer, bald sehe ich die ersten Blätter an den Bäumen, knospende Zweige, überhaupt ändert sich das "grau-vor-braun" der Höhen zu einer Farbpalette, die bei blaugrün beginnt und erst bei gelbgrün wieder aufhört. Unten angekommen, entledige ich mich erstmal meiner Jacke und wandere - ohne beißenden Wind und Regen - glücklich am Fluß entlang die letzten Kilometer nach Valgorge. In den Dörfern blüht der Flieder und ich höre sogar schon ein paar Grillen zirpen. Die Rentner werkeln in den Gärten und die Hunde liegen faul vor den Garagen. Der Friseur hat geschlossen, dafür sitzen die drei Stammkundinnen auf der Bank gegenüber dem Rathaus und sind ganz vertieft in ihr Gespräch, während ich vorbeiziehe.

Als ich nach Valgorge komme, bin ich sehr neugierig auf das Dorfhotel. Es hat eine tolle Website und auch die Wirtin von der Auberge du Bez hat es mir wärmstens empfohlen. Mich erwartet: Ein rechtwinkliger 60er-Jahre-Betonkasten. Ich atme tief durch, gehe rein, werde freundlich empfangen und ich verliebe mich sofort in die gute alte Telefonkabine hinter der Rezeption. Und in die graue Retro-Tapete im Zimmer. Und in die Aussicht vom Balkon. Und überhaupt. Beim Abendessen merke ich, daß sie es hier im Restaurant und überhaupt wirklich ernst meinen. Keine Spur von verzweifeltem Abgleiten in schlechtere Zeiten: Die Wirtin platziert die Gäste (von denen immerhin außer mir noch 6 weitere an den Tischen verteilt sind; für einen Dienstagabend am Ende der Welt ein sehr gutes Ergebnis) mit großer Geste und vor allem gekonnt so, daß niemand dem anderen ins Gesicht starrt. Dann beginnt das Reigen der Merkwürdigkeiten. Jetzt verstehe ich, warum ich bei der Ankunft nochmal meinen Vor- und Nachnamen auf einen Zettel schreiben sollte, denn ab sofort wird's persönlich.

Ein handschriftlich aufgeschriebener und mit Namen versehener Menüvorschlag liegt auf meinem Tisch und wird erstmal in Ruhe durchgesprochen. Es folgt der Auftritt des Kellners. In einem Affenzahn wetzt er durch den Raum, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. Aperitif? Wein? Wasser? Das alles mit einer Beflissenheit und Ernsthaftigkeit, die auch in ein dreimal so teures Lokal gepaßt hätte, die aber hier in keinster Weise fehl am Platz ist. Denn alles ist genau choreographiert und alles stimmt. Zuerst kommen Wasser und Brot. Dann der Aperitif. Die Vorspeise wird erst serviert, als ich mit dem Apertif fertig bin. Auch der Wein kommt erst dann auf den Tisch. Alles genau austariert. Die Wartezeiten zwischen den Gängen sind genau richtig, nicht zu hektisch, nicht zu lang. Mit wachem Blick steht der Kellner in der Schwingtür zur Küche und überblickt unaufdringlich den Raum. Wenn er etwas entdeckt hat, um das es sich zu kümmern gilt, schießt er los. Die ersten zwei Meter nimmt er noch Anlauf, danach hat er aber seine Reisefluggeschwindigkeit erreicht und saust durch den Speisesaal. Bevor irgendwas auf den Tisch kommt, wird das Besteck nochmal schnell poliert. Natürlich ist immer ausreichend Brot und Wasser da. Und es wird einfach alles richtig gemacht.

Mein Menü für diesen Abend:
Aperitif:
Edelkastanien-Likör mit Champagner

Vorspeise: 
Linsen-Cappuchino mit geräuchtem Lachs und Sauerrahm

Hauptgang: 
Filet Mignon vom Lamm mit Artischocken und einer Art Katroffel-Rösti (nur besser!)

(Käseplatte habe ich wie immer ausfallen lassen...)

Dessert: 
Vanille- und Pfirsicheis an Edelkastanienmus mit Honigsauce


Und wieder ein Abend, an dem ich über die Preisgestaltung nur staunen kann. Zimmerpreis ohne Frühstück: 44 EUR. Als Halbpensionstarif gibt es Zimmer, Frühstück und oben stehendes Abendessen (ohne Getränke) für 58 EUR. Das ist ein Preis-/Leistungsverhältnis, an dem gemessen die meisten anderen Läden scheitern. Punkt. Wins all the awards: Hotel Le Tanargue, Valgorge.

Dienstag, 24. April 2012

La Poste.

Wenn es ein Bild gibt, daß sich in Frankreich in mein Gehirn eingebrannt hat, dann kann man sich das in etwa wie folgt vorstellen:

Aussicht. Da eine Hügelkette, dahinter noch eine. Ein paar Felder, umrahmt von ein paar Bäumen, meistens noch kahl, manchmal schon hellgrün. Irgendwo zuckelt vielleicht ein Trecker, ein paar Kühe grasen geduldig auf der Weide. Und zack! - kommt von irgendwo ein kleines gelbes Postauto auf einen Hügel gefahren und verschwindet gleich darauf wieder hinter dem nächsten Bauernhof.

Diese kleinen Peugeot Partner Kastenwagen, die immer genau wissen, wo sie hinwollen, die immer zügig durch die Landschaft kurven, jeder Tag hat welche. Und jede Hügelkette hat welche. La Poste.

Die Berge haben mich noch nie enttäuscht.



Sonntag, 22.04.2012
La Bastide-Puylaurent nach Le Bez
5 h / 19 km

Draußen vergleichsweise Sonntagswetter. Drinnen wieder vorportioniertes Frühstück. Auf der Suche nach dem Briefkasten tröstet mich die Dorfbäckerei, die erstaunlicherweise geöffnet hat, mit Mini-Quiches und Schokobrötchen. Nur zu gerne verzeihe ich ihr das übersichtliche Angebot und decke mich mit einem zweiten und dritten Frühstück ein.

Auf dem Spaziergang zur Abtei Notre Dame des Neiges kommt mir ein Wanderer entgegen, der mich erstmal mit der Information begrüßt, daß ich der erste Wanderer seit 4 Tagen bin, dem er begegnet. Der Kollege meint es ganz hart mit sich selbst. Eine Woche wandern und draußen schlafen. Bei dem Wetter hätte ich da spätestens nach dem zweiten Tag keine Lust drauf. Wir plauschen ein bißchen über Touren, Logistik und die Gegend und als wir uns verabschieden, bin ich mit dem französischen Wanderklientel wieder einigermaßen versöhnt. Endlich mal jemand, der abseits der ausgetretenen Wege geht.

Die Abtei sieht aus wie ein Ufo, das mitten in einem ansonsten unbewohnten Tal gelandet ist. Ich hatte sie gestern schon aus der Entfernung inmitten der Wälder gesehen. Ein Steinklotz, genau vor 100 Jahren in die Abgeschiedenheit der Berge gestellt. Drinnen ist gerade Sonntagsgottesdienst, ich sitze aber lieber draußen in der Sonne und frühstücke meine Quiche. Natürlich hat es Wolken und natürlich gibt es zwischendurch immer wieder ein paar Tropfen, aber im Prinzip wird es ein windiger Tag bleiben, an dem sich Weltuntergangswolken und hoffnungsvolle Sonnenmomente abwechseln. Im Osten segeln einzelne Wolken über die flacheren Landschaften des Rhône-Tals. Weiter rechts liegen die schneebedenkten sanften Hänge des Mont Lozère. Und wieder kann ich von ganz oben zwei Tagesmärsche weit die Hügelketten und Berge entdecken, über die ich hierher gekommen bin.

Ich komme mit den superdetaillierten Karten, die ich mir für diese Region zugelegt habe, nicht zurecht. Ständig versuche ich zu bestimmen, wo ich denn nun eigentlich bin, denn mein Bauchgefühl ist an ganz andere Maßstäbe gewöhnt. Als ich kurz davor bin, vor lauter Pedanterie den Kompaß zum Peilen rauszuholen, reiße ich mich zusammen, folge der guten Wegmarkierung und dem deutlichen Weg auf dem Hügelkamm. Locker lassen, Kontrolle Kontrolle sein lassen, das wird schon werden...

Später sitze ich auf ein paar Felsen ganz oben und versinke im Panorama. Der Wind pfeift ekelig, aber mit Jacke und Kapuze vergesse ich das ganz schnell. Ich schneide mir einen Apfel zusammen, gucke in die Ferne und vergesse die Zeit, bis mir plötzlich kalt wird und ich wieder aufbreche. Auf den nächsten Kilometern muß ich schmunzeln angesichts meines in den letzten Tagen vergossenen Ärger über sinnlos verrichtete und vernichtete Höhenmeter. Ich erinnere mich gut, daß ich mich in den letzten Wochen innerlich mehrfach über jeden aufgestiegenen Meter echauffiert habe, den ich bald darauf wieder abgestiegen bin. Heute weiß ich: Das soll so. Ohne diese vernichteten Höhenmeter würde ich nie oben sitzen und in die Ferne gucken. Rucksack enger schnallen und bergauf, das ist das einzige Rezept. Es ist ein gutes. Und es stimmt auch heute.



Die Auberge du Bez kommt ins Sichtfeld, einsam in einem Bergtal gelegen, die Wirtin hatte mich am Telefon vorwarnt, daß sie zwischen 16 und 17 Uhr nicht da sei, weil sie runter ins Tal zum Wählen fährt. Ich bin trotz allem Sitzen und Bummeln sowieso viel zu früh da und weil es gerade Kaffeezeit ist, gönne ich mir nach der Dusche zum Tee einen hausgemachten Blaubeerkuchen. Mit Sahne. Und ich zerfließe fast vor Zuckerglück.

Der Abend hält die Glückssträhne: Den Speisesaal teile ich mit zwei Beamten des staatlichen Forstministeriums, die stolz in Uniform am Tisch sitzen. Ein umwerfendes Abendessen mit ausgefallenen Kleinigkeiten wie sauer/salzig eingelegten Kirschen zum hausgeschlachteten Schinken und guter Rotwein macht mich reif für mein Zimmer, das alles hat, was ich brauche. Ein warmes Bett, eine gute Heizung und einen Fernseher, den ich bei Arte auf deutschen Ton umstellen kann, was meinem Heimweh letztlich gar nicht gut bekommt.

Draußen beginnt es zu regnen und ich schlafe mit der Erkenntnis ein, daß die günstigen Berggasthöfe hier bisher die schönsten Übernachtungen geboten haben. Je weiter weg von den Städten, umso besser...

Montag, 23. April 2012

Schön, aber zu lang.


Samstag, 21.04.2012
Le Bleymard nach La Bastide-Puylaurent
9 h / 33 km

Nachts: Regen. Sonnenaufgang: Regen. Als ich aufstehe: Regen. Beim Frühstück: Regen. Bis zum Frühstück war das eine gefühlte Kleinkatastrophe, in dem Moment aber, als ich den Frühstückssaal betrete, pocht mein kleines Herz ganz laut. Auf mich wartet nicht etwa der lieblos vorbereitete "ein-Croissant-zwei-Stück-Baguette-Teller-mit-einem-Stück-Butter-und-zwei-Päckchen-Marmelade", sondern ein amtliches Frühstücksbuffet. Mein neues Lieblingshotel hat einfach mal gütig das Buffet gedeckt, als würden hier gleich noch 12 andere Leute reinmarschieren. Dem ist aber nicht so, ich bin der einzige Gast."Du bist vielleicht alleine, Wanderer", flüstert es, "aber das muß ich dir ja nicht auch noch aufs Brot schmieren. Du sollst dich wohlfühlen." Da steht hausgemachter Apfelsaft und das Kiloglas Nutella und Brot bis zum Abwinken und überhaupt. Alleine die Geste, daß auch für einen einzelnen Gast das volle Programm aufgefahren wird, rührt mich zutiefst.

Während ich mampfe, sehe ich draußen den ersten Wanderer in voller Regenmontur mit entnervtem Gesicht auf die Bar unten im Haus zusteuern, um im Trockenen einen Kaffee zu trinken. Und eine Viertelstunde, bevor ich fertig gepackt habe, hört es auf zu regnen.

Ich verlasse das Haus mit großen Komplimenten, die der gute Mann an der Rezeption lächelnd und entspannt entgegen nimmt. In der Fremde brauche ich keinen Spabereich, keine Schuhputzmaschine und keine Bonbons auf dem Kopfkissen. Seit Wochen fühle ich eine starke Dünnhäutigkeit, die mich innerlich vor Glück strahlen läßt, wenn der Bauer zurückgrüßt oder mir der alte Mann auf dem langen Aufstieg ein "Daumen hoch" gibt. Das sind Momente, in denen mir in all der Einsamkeit jemand seinen Segen gibt. Seine Zustimmung. Ist gut so. Diese Dünnhäutigkeit braucht freundliche Worte, um nicht aufzureißen. Aus diesem Hotel nehme ich einige davon mit.

Überall Wanderer. Vor dem Dorfladen Wanderer. Beim Aufstieg Wanderer. Tonnenweise Fußspuren auf dem Boden. Ist hier irgendwas los oder ist nur Wochenende?

Eine Stunde später stehe ich an der unspektakulären Lot-Quelle. Fünf Tagesmärsche westlich von hier ist dieses Rinnsal ein stattlicher Fluß, der tiefe Schluchten aus dem Gestein gewaschen hat. Und er ist auch der kilometerlange Stausee, an dem ich meinen Motivationstiefpunkt erlebt habe. Hier entspringt er einer matschigen Wiese am Hang, in den Pfützen sammelt sich das Wasser und die Schüler der örtlichen Schule haben einen Wanderweg samt Brücklein und Geländer und Schild angelegt. Schnell weiter.

Wie so oft in den letzten Tagen folge ich für viele Kilometer einem Weg oben auf dem Hügelkamm. Weite Sicht runter ins Tal, auf die Regenwolken über den Cevennen, auf die baumlosen Hügelkuppen, mit Moos und Krüppelkiefern bewachsen. Auf schlängelnde Wege, auf einsame Bauernhöfe zwischen den Feldern und Hängen. Karges Land, es duckt sich vor dem Wind weg und hofft auf den Sommer. Der Weg ist naß und matschig vom Regen der letzten Woche, abwechselnd saugt der Wald sich bei den kurzen Schauern mit Wasser voll, danach dampft er wieder in kurzen Sonnenmomenten. Der Wind zaust mich von der Seite und auf all den einsamen Kilometern sieht Frankreich immer mehr aus wie Norwegen oder Schottland.

Beim Abstieg nach Prévenchères setzt dann der Regen wieder ein. Diesmal richtig. Schutzlos schwanke ich auf der offenen Hochfläche im Wind und kann spüren, wie meine Klamotten trotz Regenmontur immer klammer und kälter werden. Unter einem Baum finde ich eine trockene Stelle und setze mich für einen kurzen Schluck aus der Wasserflasche und ein Stück Schokolade. Der trostlose Ausblick und die Kälte treiben mich aber schnellstens weiter. Vom rumsitzen wird's nicht besser...

Unten im Dorf freue ich mich später über zwei im Regen flanierende alte Damen, dahinter verpasse ich den richtigen Weg und steige voller blindem Glauben an die falsche Markierung in das falsche Tal ab. Auf dem Weg zurück legt der Regen nochmal einen Zahn zu, so daß langsam wieder die Phase der Verzweiflung einsetzt. Wenn der Wind den Regen bis unter die Kapuze treibt. Wenn man spürt, wie die dicken Tropfen kalt auf die Hose fallen und sich alles vollsaugt. Wenn das Wasser auf der Jacke bis zu den Ärmeln hinunterläuft und dann zum Abschied eisig über die klammen Finger tropft. Um all dem wenigstens für ein paar Minuten zu entgehen, kauere ich erst unter einem, dann unter dem nächsten Baum und mache mich ganz klein. Trotzdem findet mich der Regen sofort. So macht das doch keinen Spaß. Ein paar Minuten später siegt die Vernunft: Weiter. Vom Sitzen und Trübsal blasen ist noch niemand aus dem Regen und schon gar nicht angekommen.

Eine halbe Stunde später kommt vorsichtig die Sonne durch die Wolken, es dauert aber nochmal eine Stunde, bevor es wirklich aufhört zu regnen. Ich kämpfe schon wieder mit mir, ob ich den Rest des Weges auf der Straße zurücklegen soll (läuft sich schneller, läuft sich kopfleerer), aber ich reiße mich zusammen. Zwei Kilometer weiter werde ich mit einem uralten Weg belohnt, den es schon seit dem Mittelalter gibt. Die unzähligen Karren und Fuhrwerke haben über die Jahrhunderte tiefe Furchen im Schiefer hinterlassen.

Ein paar Kilometer später stoße ich auf ein anderes Überbleibsel: Eine alte Landstraße im Wald, vergessen und nicht mehr benutzt. Achtlos liegen gelassen wie ein abgelegtes Spielzeug windet sie sich noch immer am Hang entlang, an verlassenen Häusern vorbei. Das Weiß der Mittelmarkierung scheint manchmal noch fahl durch den Schmutz der Straße, der Asphalt löchrig und aufgerissen. Eine Straßenruine.


Wieder ein Tag, der am Ende deutlich länger wurde, als ich mir das gewünscht hatte. Nach neun Stunden werfe ich meinen Rucksack in einem schrottigen Dorfhotel bei einer Wirtin mit fehlenden Zähnen ab, hechte noch schnell in den Laden nebenan, um kurz vor Ladenschluß noch ein paar Getränke für die nächsten Tage zu kaufen. Beim Abendessen macht eine 16-köpfige Wandergruppe Stimmung im Speisesaal, das Rentnerpäarchen am Tisch neben mir ist genervt von so viel Leben und wechselt von Französisch zu Deutsch, um insgeheim über die Truppe herzuziehen. Ich verabschiede mich mit einem Kompliment für ihr gutes Deutsch und gehe feixend schlafen.

Sonntag, 22. April 2012

Stille Cevennen.

Freitag, 20.04.2012
Mende nach Le Bleymard
9 h / 37 km

Grummelnd stampfe ich die Treppen runter zur Rezeption. Zu allem Murks von gestern Abend hat das Zimmermädchen - worauf ich besonders allergisch bin - die Nerven gehabt, schon um kurz nach Neun zu klopfen, eine halbe Sekunde zu warten und dann erstmal zu probieren, ob die Tür offen ist. Ich mache ihr in meinem morgendlichen Pidgin-Französisch klar, daß das vielleicht eine etwas zu frühe/schnelle Aktion war. Dem Kollegen an der Rezeption sind meine Reklamationen sichtlich peinlich. Als er am Ende den Zimmerpreis von 62 EUR auf 31 EUR halbiert, bin ich zufrieden. Das Frühstücksbuffet für 12 EUR lasse ich trotzdem aus Prinzip links liegen.

Schnell zum Bäcker. Keine Törtchen, aber Mini-Quiches. Schnell raus aus Mende. Jaja, Dom gesehen und abgehakt. Neidisch am lokalen Wahlkampfbüro von Sarkozy mit tonnenweise "La France forte"-Postern vorbeigegangen. Schnell noch ein Croissant auf der Bank vertilgt, während ich dem Postboten bei der Arbeit zusehe. Dreihundert Meter Aufstieg zum Frühstück ohne Aufwärmen. Oben auf dem Hochplateau liegt der - harhar - Flugplatz von Mende. Eine abenteuerliche Asphaltpiste, die mit einem Ende direkt am Abgrund endet. Wahrscheinlich nix für schwache Nerven.

Danach wird alles schön. Wieder stundenlang auf einem stillen Waldweg über die Hochfläche, links Aussicht, rechts Aussicht. Kein Mensch zu sehen, nur in den tief eingeschnittenen Tälern sieht man die Umrisse von ein paar Dörfern. Unterwegs Aussichten auf Wald und Felder wie zuhause. An einem frisch geschlagenen Holzstapel saue ich mir glücklich die Finger mit Harz ein und rieche dafür die nächste Stunde nach Wald.



Es bleibt trocken und windig, obwohl ich aus Reflex immer wieder meine Jacke anziehe, weil ich jeden Moment mit dem großen Wolkenbruch rechne. Es ist wärmer geworden in den letzten Tagen, statt der 2-4° Anfang der Woche im Aubrac hat's jetzt um die 12-14°, ich begegne erst auf ca. 1.200m wieder den ersten Rest-Schneefetzen. Am Col de la Loupiere ist mein schönerWaldweg zu Ende und ein markierter Wanderweg übernimmt. Die erste halbe Stunde enttäuscht er kurz mit einem schwer von Harvestern zerfurchten Matschpfad, danach wird's lieblich. Mit tausend Kurven und Serpentinen immer entlang der Hänge, auf windigen Pfaden zwischen den Feldern hindurch, auf verwunschenen Spuren an verfallenen Mühlen im Wald vorbei, durch verschlafene Bauernhöfe, die am steilen Hang kleben. Durch verlassene Dörfer, in denen schon lange niemand mehr wohnt und wo das Klebeband, mit dem die Post den Dorfbriefkasten zugeklebt hat, schon seit Jahren lose im Wind flattert. Hinter Auriac erwische ich ein Reh äsend auf dem Weg ca. 7 Meter vor mir und weil ich gerade so geschickt um die Ecke komme und der Wind günstig steht, bemerkt es mich gar nicht. Erst als ich stehenbleibe, schauen wir uns lange an, bis sich Capreolus Capreolus doch zur Flucht entscheidet. 


Nach ein paar Stunden werden die romantischen Wege zum Fluch. Schön zu gehen, schön zu gucken, aber nix für's Vorwärtskommen. Bergauf, bergab, keine gerade Linie. Als ich mich gerade wieder zum x-ten Mal eine Stunde runter ins Tal und auf der anderen Seite wieder rauf geschleppt habe, blicke ich vom Weg zurück auf die andere Talseite und habe fast das Gefühl, daß man rüberspucken könnte. Schön, aber leicht frustrierend. Überhaupt sind hier in den Cevennen die Horizonte so weit, daß ich nicht nur meine heutige Tour quasi in der Ferne nachverfolgen kann, ich sehe auch einen Gutteil der Tour von gestern und sogar von vorgestern. Vielleicht ist der große graue Bergklotz da hinten das Aubrac-Massiv, aber wer weiß. Im Luftlinien-Entfernungen-Abschätzen war ich schon immer ein Loser.

Spätes Mittagessen mit Mini-Quiche und ner Dose Cola auf einer sehr kurzgeschnittenen Wiese. Der Wanderer streckt sich zum ersten Mal seit langem wieder in der Sonne aus, der zackige Wind treibt mich aber nach nur einer Viertelstunde weiter. Allmählich wird es spät, der Vergleich zwischen Uhr und Karte prophezeit mir noch mindestens zwei weitere Stunden. Auf dem schmalen Grat zwischen "die Lust verlieren" und "verdammt schön hier" wandere ich weiter und spätestens auf den letzten 5 Kilometern gucke ich ständig auf die Karte, getreu dem Motto "Sind wir schon da?". Kurz vor Le Bleymard beginnt es zu regnen, inzwischen will ich nur noch ankommen. Ich lasse Bäcker und Dorfsupermarkt rechts liegen, die liegen da morgen auch noch. Die Füße schmerzen, ich hab mich mal wieder wund gelaufen und der Spaß ist mir vor ein paar Kilometern auch verloren gegangen.

Ich finde das einzige Dorfhotel in diesem 400-Seelen-Nest und kriege fast feuchte Augen, als mich der Kollege an der Rezeption fragt, ob ich irgendwelche nassen Sachen trocknen möchte. Er würde sie dann für mich in den Heizungsraum hängen, da trocknen sie schneller. Der restliche Abend bleibt glücklich. Daß das Zimmer schon bessere Tage gesehen hat, stört mich heute nicht: Zimmer und Restaurant sind günstig und dafür gut, für den Halbpensionstarif von 56 EUR gibt es Bett, Abendessen und Frühstück, dazu freundliche Worte und wieder ein Feuer im Kamin. 

Der Eigentümer und seine Angestellte führen beim Abendessen ein seltsames Ballett auf, ständig kommt einer von beiden vorbei und rezitiert leicht zeitversetzt den fragenacheinemaperitif- oder hatesgeschmeckt-Text, den der jeweils andere von beiden gerade schon aufgesagt hat. Dabei nutzen sie in hervorragender Choreographie die beiden getrennten Zugänge des Speisesaals, in dem ich - wie sollte es anders sein - als einziger Gast an 20 voll gedeckten Tischen sitze. Nach dem Essen überlege ich kurz, ob ich in die rappelvolle Bar wechsele, lasse es aber angesichts meines lädierten Zustandes bleiben.

Draußen pladdert wieder zuverlässig der Regen, ich beäuge noch ein paar Minuten ängstlich meine Karten für die nächsten Tage, dann ist Schluß für heute. Ein Tag ohne Krisen. Ein Tag ohne Gedanken. Ein Tag, an dem ich nur Landschaft ein- und Aussicht wieder ausgeatmet habe. Durch tiefe vergessene Täler geschwommen und über windgezauste Höhen gezogen. Jeder Kilometer ein zufriedener Seufzer, bis es irgendwann genug war.

Ich glaube, genau so will ich es haben.

Freitag, 20. April 2012

Alleine auf der Hochebene.

Donnerstag, 19.04.2012
Marvejols nach Mende
8 h / 34 km

Der zuverlässige Regen. Er hat die ganze Nacht durchgearbeitet, am Morgen ist die Luft kalt und - nebelfeucht. Ich bin zu geizig für das Hotelfrühstück für 9 EUR und hole mir in der Bäckerei nebenan für 1,85 EUR zwei Croissants und ein Schokobrötchen. In der Schlange hinter mir mehrere Leute, die ich eben beim Auschecken im Hotel auch schon gesehen habe...

Auf dem Weg aus Marvejols raus verpasse ich erstmal die richtige Brücke über den kleinen Fluß. Die nächste Brücke gibt es nicht mehr, da ist jetzt ein Zaun und ein Garten. Dann eben doch auf der Straße weiter. Weil ich die Hoffnung auf eine Brücke und die damit verbundene Hoffnung auf den schönen kleinen Waldweg, den ich drüben auf der anderen Seite am Fuß des Hangs die ganze Zeit sehen kann, nicht aufgebe, gucke ich immer suchend in die kleinen Seitenstraßen, ob da nicht doch... Eine alte Dame, die gerade in Puschen und rosa Morgenmantel über dem Nachthemd ihr Brot beim fahrenden Bäcker abholt, fragt gleich, ob sie mir helfen kann. Es folgt ein sich selbst erhaltender Dialog zwischen der alten Dame (die sehr wohl versteht, daß ich zu Fuß unterwegs bin und gerne eine Alternative zur Straße hätte) und dem Bäckereifahrer, der mit Zigarillo im Mund kaum verständlich nur wunderliches Zeug von sich gibt. War das französisch? Die beiden diskutieren angeregt miteinander, ich komme kaum zu Wort sondern halte nur ab und zu zur Illustration z.B. die Wanderkarte hoch. Irgendwann verabschieden wir uns mit großen Hallo und Helau und ich hab so das Gefühl, daß die beiden bei ihrem nächsten morgendlichen Flirt noch weiter über das Brückenthema sprechen werden.

Eine Brücke gibt es aber trotzdem nicht, also weiter auf der Straße. Eine Stunde weiter in Chausserans stellen mich - ausgerechnet beim häßlichsten Haus des Dorfes - die drei Hofhunde auf der Straße und kreisen mich clever ein. Während ich mir mit Brüllen Respekt verschaffe und mich innerlich schon halb auf Kampf einstelle, öffnet sich ein Fenster im Haus und ich atme auf, weil die Frau jetzt bestimmt die Hunde zurückpfeift. Nix da, sie bläkt MICH an, daß ich verschwinden soll. Es ist besser, daß sie meinen dankbaren Fluch auf Deutsch nicht versteht, wahrscheinlich hätte sie ansonsten die Köter gleich nochmal losgeschickt.

Auf dem langen Waldweg auf dem Hügelkamm finden mich die ersten Schauerwolken wieder, ich finde zum ersten Mal eine kleine Hütte im Wald, in der sich wahrscheinlich sonst die Jäger besaufen. Aus Prinzip mache ich hier Pause, warte ein paar Regen- und Graupelschauer ab (was keine Kunst ist, denn alle 5 Minuten kommen welche) und hätte Lust, hier einfach sitzen zu bleiben. Aber mir ist kalt und ich zuckele weiter, als die Sonne gerade mal wieder rauskommt.

Der Tag zieht sich zwar, dafür laufe ich über Stunden alleine durch schönen saftigen Nadelwald, auf schmalen Wegen ohne Stacheldraht und eigentlich sogar ganz ohne Zäune. Ich treffe nur bei den Windrädern einen Förster in seinem Panda 4x4 und bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihn nicht gerade bei einem Nickerchen im Auto erwischt habe.

Mein Etappenziel Mende ist - wie bisher fast alle mittelgroßen Orte zwischen 7.000 und 20.000 Einwohnern - ein komatöses Etwas, das vor allem durch Trostlosigkeit auffällt. Die Hotels und Restaurants, an denen ich vorbeigehe, sind in der Betongläubigkeit der 80er Jahre stehen geblieben, eine Bäckerei und damit die Chance auf Törtchen finde ich auch nicht, also schnell das Abendessen eingekauft und im einsetzenden Regen runter zum Hotel.

Dort wird die Horrorvision wahr, vor der ich mich seit Wochen fürchte: Der frischgekaufte Joghurt läuft im Rucksack aus. Reichlich angefressen entdecke ich erst viel zu spät, daß in dem überteuerten Laden für 62 EUR / Nacht (ohne Frühstück) die Farbe in DIN A6-großen Stücken von der Wand kommt, der Badewannenverschluß erst nur ganz offen und dann endgültig und für immer ganz zu ist (was das Baden von meiner To Do-Liste streicht, denn ich möchte der Reinigungsdame nicht morgen früh mein kaltes Badewasser vom Vorabend zumuten; die Dame kann nun echt nix dafür...) und das Waschbecken vor allem die Füße wäscht, weil das Wasser anscheinend nicht in den Abfluß, sondern einfach auf die Badezimmerfliesen läuft. Die Sache mit dem gelben Scheinwerfer vor meinem Zimmerfenster, der außer der Hausfassade auch das Zimmer nachts schön hell macht, streiche ich von meiner Reklamationsliste für morgen früh, als ich später entdecke, daß es doch noch ein paar vergessene Fensterläden an meinem Fenster hat.

Merke: Von mittelgroßen Orten fernhalten.

Vergleichende Fotografie.



Donnerstag, 19. April 2012

Altes Eisen.

Gewinner-Foto #2 für Herrn Pflaumbaum!

Auch die zweite Runde des zurückliegenden Geländewagen-Rätsels wurde souverän von Herrn P. aus T. bewältigt. Als Belohnung gibt es natürlich wieder ein schönes Tierfoto und da wir von rassigen Schönheiten sprachen, hier was ganz Besonderes: Das Aubrac-Rind. Herzlichen Glückwunsch!


P.S.: Wer Bock auf lautmalerische Sprache hat, schaut sich mal den Wikipedia-Artikel zu dem Vieh an, Abschnitt Körperbau... ("mittelrahmiges Rind"...)