Freitag, 6. April 2012

Einmarsch in die Postkartenidylle.

Mittwoch, 04.04.2012
Saint Nauphary nach Bruniquel
7 h / 31 km

Wieder hat es über Nacht geregnet. Pünktlich zum Frühstück erwacht das Interesse meines Gastgebers David an meinem Tun und Lassen, er holt flugs einige Karten hervor und wir brüten ein wenig über Wege in der Umgebung. Zum Abschied lehne ich noch schnell einen Schwall spontaner Angebote auf ein Sandwiches zum Mitnehmen, Taschentücher (?) usw. ab, David besteht aber darauf, mir für den Notfall seine Handynummer mitzugeben. Kein Problem. Mit guten Wünschen verlasse ich die große leere Domaine.

Unten im Dorfsupermarkt kaufe ich Orangina, KitKat und - ich glaube es selber kaum - Taschentücher. Auf den 500m bis dahin kam mir in den Sinn, daß ich höchstens noch 1/2 Päckchen übrig habe.

Es wird ein trüber Straßentag. Der Weg bis Bruniquel ist weit, die Karte gibt keine rechte Alternative zu den Landstraßen her, also füge ich mich meinem Schicksal und bin aus lauter Vernunft auch extra früh aufgebrochen. Die D8 verläuft zwar oben in den Hügeln, wo weniger Verkehr ist, aber der weniger Verkehr ist schnell. Immerhin sind die Seitenstreifen breit genug, um einigermaßen sicher voranzukommen. Nach einer halben Stunde beginnt der Regen, ich ziehe meine Montur an, packe mir bei der Gelegenheit auch gleich Musik auf die Ohren und ziehe weiter.

Irgendwo kurz vor dem nächsten Abzweig bremst ein Kleintransporter und ein junger Typ mit Kapuzenpulli fragt, ob er mich mitnehmen soll. Ich lehne dankend ab, geht schon, ich gehe gerne zu Fuß. Er grinst, antwortet "Hast ja Recht..." und fährt weiter. Jetzt muß ich auch grinsen, trotz Regen.

Der Regen hält nur eine knappe Stunde, dann wird's wieder trocken. Weiter auf der Straße vorbei an verrottenden Holzbooten im Wald, halbfertigen Einfamilienhäusern, und Bauernhöfen. Die zwei Regennächte haben ausgereicht, um sämtliche Grüntöne zu vervielfachen. Und noch etwas ist anders: Es gibt wieder mehr Bäume und kleine Waldstücke. Noch geht zwar mein Weg an ihnen vorbei, aber spätestens morgen wird es wieder richtige Waldstücke zum Durchwandern geben.

Ein rastloser Tag, alles naß, alles kalt, ich friere zum ersten Mal und frage mich, warum ich heute eigentlich eine kurze Hose angezogen habe. An ein Trafohäuschen gelehnt esse ich im Windschatten ein paar Kekse und ziehe fröstelnd weiter. Laufen hält warm.

Später am Nachmittag laufe ich kurz vor Puygaillard endlich wieder für eine halbe Stunde durch richtigen Wald. Verkrüppeltes junges Zeug zwar, noch frühlingskahl, aber immerhin. Am Waldrand liegt tatsächlich ein Holzstapel und ich mache dort natürlich aus Prinzip eine verspätete Mittagspause, obwohl es gerade regnet. Weil man hier sitzen kann. Weil ich hier sitzen will. In der nächsten Stunde am Straßenrand lese ich ein bißchen, höre dem Regen zu, probiere den wilden Schnittlauch vom Waldrand, zähle genau 1 vorbeifahrendes Auto und obwohl das Wetter gar nicht danach aussieht, finde ich den Tag wunderbar. Über allem liegt eine Stille wie in einem Vakuum. Jeder bewegt sich in seinem kleinen Kreis. Als ich wieder aufbreche, hält ein klassisches Jägerauto, mein Reflexzentrum spannt sich schon wieder an, aber der gute Mann will nur wissen, ob ich seinen verlorengegangenen Jagdhund gesehen hätte.

Ein paar Kilometer weiter wurschelt der Bauer bei seinen Kühen auf der Weide, daneben liegt sein Hund im Feld. Als ich vorbeiziehe, schleicht sich das wachsame Vieh langsam ran, will aber nur kuscheln. Und schon wieder habe ich ein Nachlauferle im Schlepptau. Ein paar Minuten später überholt uns der Bauer von eben mit seinem Peugeot und biegt links zu seinem Hof ab, ich erwarte eigentlich, daß der noch relativ junge Hund dasselbe tut -- nüscht. Mit gut 100 - 200m Vorsprung geht er weiter vor mir voraus die Straße entlang und checkt immer wieder, ob ich auch mitkomme. Cleveres Kerlchen, geht brav am Straßenrand, auch mit Autos kommt er gut klar und zieht sich jedesmal in den Straßengraben zurück. Ich spüre schon wieder die Risse in meinem romantischen Tierherz, als wir 2 km weiter die nächste große Landstraße überqueren und ich weiß, daß es langsam Zeit ist, unangenehme Dinge zu tun. Als ich ein paar Einschüchtungsgesten aufsetze, legt sich der Kerl sofort ganz flach ins Gras, guckt mit großen Augen ängstlich nach oben und bleibt geduckt liegen, als ich weiterziehe. Als ich mich kurz vor der Kurve nochmal verstohlen umdrehe, guckt er immer noch. Ich reiße mich zusammen und mache mich aus dem Staub. Bleib liegen, so ein Wanderer ist nichts für dich, mein Kleiner.

Ein Teil von mir wünscht sich natürlich während der nächsten Kilometer, daß der Hund plötzlich wieder neben mir auftaucht und ich diesen Tag mit dem Blog-Eintrag in Richtung "Reise zu Ende, ich komme nach Hause, ich hab jetzt nen Hund." beende, aber bei allen Beteiligten siegt an allen Fronten die Vernunft. Erst eine halbe Stunde später dämmert es mir, daß das vielleicht der verloren gegangene Hund des Jägers sein könnte, auch wenn das eigentlich nicht so ganz passt.

Schlußspurt nach Bruniquel, die Regenwolken hängen schon wieder tief. Alle Franzosen hier in der Umgebung haben bei der Erwähnung von Bruniquel ganz verzückte Augen bekommen, natürlich ist das Kaff auch als eines der schönsten Dörfer Frankreichs zertifiziert und so bin ich sehr gespannt, als ich den Postkartenaussicht-Pfad den Berg hinunter stolpere. Nett, aus der Entfernung. Muß touristisch sein, ich sehe schon Wohnmobile und einen Großparkplatz, der im Sommer bestimmt bumsvoll ist.

Aber je näher ich komme, umso mehr raubt mir dieses Dorf den Atem. Hier laufen drei Täler zusammen, auf einem Bergsporn in der Mitte sitzt das Dorf, gekrönt durch zwei kleine Châteaux. Mein Gastgeber für heute Abend hat nen Zettel an der Tür gelassen, daß er leider später kommt, also habe ich mir gegenüber eine gute Entschuldigung, nochmal gefühlte 200 Fotos vom Dorf zu machen. Ein mittelalterlicher Traum, jede Gasse, jedes Haus, jedes Fenster und jede Tür, jedes Detail könnte man stundenlang bestaunen. Der komplette Dorfkern ist bis auf kleinere Modernisierungen so erhalten, wie ich mir das 16./17. Jahrhundert eben so vorstelle. Man könnte hier sicherlich zwei volle Tage einfach nur gucken, ich beschränke mich auf zwei Stunden. Im Sommer kann man sich hier wahrscheinlich mit 800 Touristen prügeln, deswegen sind wohl auch alle Fenster mit schweren Gardinen verhängt und das halbe Dorf steht - wie auch das restliche Frankreich - zum Verkauf. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich wirklich gerne hier wohnen würde, wenn ständig irgendwer von romantisierten Lautäußerungen begleitet Fotos durch mein Küchenfenster macht und ich meine täglichen Einkäufe 15 min bergauf durchs größtenteils autofreie Dorf schleppen muß.Aber die Optik kann was.




Überfahren von soviel Historie klopfe ich bei meinem Gastgeber Marc, der - inzwischen zurück - mit eleganter Katze in einem der alten Häuser wohnt. Innen sehr biologisch modern, mit den Apple-Utensilien des weitgereisten Neuzeitlers ausgestattet. Die Dusche bleibt zwar nach einem sehr kurzen und sehr heißen Zucken kalt, aber das ist mir heute wurscht.

Nachdem wir gut eine Stunde zusammen vergeblich versucht haben, meinen Rechner ans Netz zu kriegen, sitze ich noch ein bißchen im Schaukelstuhl am Fenster, schaue dem Sonnenuntergang zu, der die Wolken über dem Tal vertrieben hat, freue mich über die kühle Abendluft und bin stolz auf meine Füße, die heute den ersten langen Tag ohne Pflaster gut überstanden haben. Schon früh werfe ich mich in das riesige Bett unter die riesige Decke. Kein Abendessen heute, keine Augen haben genug Futter gehabt. 

Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen freut sich auf die Touren der nächsten Tage entlang der Schluchten des Aveyron, draußen fährt irgendwo weiter weg noch ein Auto vorbei, dann ist es wieder still.


Dienstag, 3. April 2012

Frankreich kann auch anders.

Dienstag, 03.04.2012
Savènes nach Saint Nauphary
7h / 34 km

Als ich meinen extra früh gestellten Wecker aus der Ferne höre, merke ich, daß die Nacht viel zu kurz war. Frühes Frühstück, früher Aufbruch, heute wird ein langer Tag. Vorher gehen die Herrlichkeiten vom Vorabend weiter: Zum ersten Mal 2 Croissants für mich auf dem Tisch. Selbstgebackenes Brot. Zum ersten Mal kein Beuteltee, sondern 7 Sorten Tee in schönen Metalldosen zur Auswahl, mit Teeherz und passendem kleinen Schälchen für das tropfende Sieb nach dem Ziehen. Kurz huscht die gute alte Frau Wehmut durch das Frühstückszimmer, als ich darüber nachdenke, wie schwer es ist, solche Häuser und solche schönen Momente für ein paar Stunden Straßenstaub und für das Weiter zu verlassen.

Es hat geregnet, draußen liegen schwere Pfützen auf der Straße. Verdun verzeiht mir nicht, daß ich es links liegen lasse. Die biestige Kassiererin im Super U, die mich auffordert, beim nächsten Mal den Rucksack neben der Kasse abzustellen und das nicht freundlich meint. Die Autofahrerin, die genau vor mir auf dem Zebrastreifen einparkt, obwohl ich gerade die Straße überqueren will. Die vielbefahrene enge Brücke über die Garonne, die ich wie ein ängstlicher Hase überquere, weil nicht mal zwei Autos nebeneinander passen und für einen Gehweg sowieso kein Platz war. Der Verkehr auf der verfluchten D6, die auf Kilometer wieder nur schnurgeradeaus geht und doch ohne Alternative ist. Frankreich hat auf häßlich geschaltet. Zugemauerte Fenster, leere Türen, aufgegebene Leben. Da war kein Glanz, der vergangen sein könnte, da war immer nur schon der verzweifelte Versuch, irgendwie zu überleben. An der D6. Die ehemalige Spezialwerkstatt für deutsche Autos. Die Bar, die trotzdem jeden Tag die Stühle rausstellt. Die Schutthaufen und Müllhalden in jeder dunklen Ecke, um die sich niemand mehr kümmert. Das ist der Gegenpart zur ländlichen Bauernidylle, nur eine Stunde Fußmarsch weiter.

Transitland. Da ist das Wort wieder. Alles will von irgendwoher nach irgendwoanders, hier fährt man nur durch, hier will keiner bleiben. Der flüchtige Blick des Beifahrers aus dem Autofenster bleibt ein Warten auf das Ankommen. Hier? Besser nicht...



 

Erst als ich hinter Dieupentale das erste Mal abbiege, wird es besser. Mit dem Verkehr verschwinden die schlechten Gedanken, die Häßlichkeit allerdings bleibt. Endlose Neubaugebiete gehen allmählich über in Siedlungen, die schon lange verlassen wurden und von Müll und Gestrüpp verschluckt wurden. Ein abgebranntes Haus, dessen Bewohner alle noch geretteten Dinge auf der Veranda und im Garten gestapelt haben, dann aber doch die Aussichtslosigkeit ihres Tuns eingesehen haben. Die Domaine Périgal, die sich über Kilometer bombenfest eingezäunt hat, zwei Meter hoher Wildzaun, unten nochmal Kaninchendraht und - damit auch ja nichts unten durchkommt - noch Bodensicherungen aus Beton. Eingezäunt haben sie eine schier endlose Weite von Ödland, grau und struppig. Warum sie das getan haben, bleibt mir schleierhaft. Hier wollen sicher noch nicht mal Schafe grasen.

Auf der Autobahnbrücke mache ich Rast, leere die Steine aus meinen Schuhen und esse ein paar Kekse. Hilft aber nicht gegen die Trostlosigkeit des bisherigen Tages. Die Landschaft hier ist nicht mehr lieblich oder hügelig, hier fühlt es sich an wie an den ausfransenden Zipfeln von Brandenburg. Es ist flach, grau und öde. Als ich wieder aufbreche, fängt es an zu regnen und es passt absolut ins Bild. Ich drücke mir Musik in die Ohren und ziehe die Scheuklappen hoch.

Der Dorfplatz des nächstes Dorfes ist vollkommen übermöbliert. Bänke überall. Geländer. Mini-Parkanlagen. Zebrastreifen. Dorfbegegnungsplätze. Es gibt sogar ein Dorfbistro, in dem Licht brennt. All das wirkt ungeheuer angestrengt, aber vor allem verzweifelt. Außerdem bin ich noch mißtrauisch nach den schlechten Bildern der ersten Kilometer. Schnell um die Ecke und auf die Landstraße, aber schon nach einer halben Stunde wird meine Hochmütigkeit bestraft. Wie konnte ich nur an den zahlreichen Bänken und Sitzmöbeln von Campsas vorbeigehen..? Es sollten die Einzigen für die nächsten zwei Stunden bleiben. Ich probiere es mit einer kleinen Pause auf einer steinernen Brückenbrüstung, aber nach dem ersten LKW kurz vor der Nasenspitze war das kleine Glück über diesen ergatterten Platz auch vorbei. Überall Felder, Rebstöcke, Straßen, Böschungen. Wer nicht im Dreck oder im nassen Gras sitzen will, sucht vergeblich.

Hinter Reynies die letzte Steigung für heute. Es war der Tag der Überquerungen: Quer über die namensgebenden Flüsse Tarn und Garonne des hiesigen Departments, quer über den Kanal "der zwei Meere", quer über die Autobahn. Nochmal ein paar Kilometer Hügelkette, dann stehe ich in Saint Nauphary auf der Dorfstraße. Ich hatte ein verschlafenes Nest erwartet, aber das Dorf hat sich rausgeputzt. Restaurant, Snackbar, Bankfiliale, Apotheke, Tabakladen, alles da. Neben der Kirche steht ein Pizzawägelchen auf dem Dorfplatz und wirbt mit Pizza frisch vom Holzfeuer. Ein paar Meter weiter gibt es sogar noch einen Dorfsupermarkt. Beeindruckt von soviel Leben biege ich in die endlose lange Auffahrt zur Domaine de Roussillon ein, mein Quartier für heute Abend. Ich klingele und klopfe und suche, aber es macht niemand auf. Ich brauche nicht lange, um diesen Wink des Schicksals zu verstehen, werfe den Rucksack ab, lasse ihn neben der Haustür stehen und gehe wieder runter ins Dorf zum - aus der Nähe betrachtet - etwas gespenstischen Pizzamann, der sich ständig auf die Finger pustet. Ob wegen der Hitze des Ofens oder wegen des imaginären Mehls an den Fingern, kann ich nicht ergründen, ist auch egal, denn er versteht was von seinem Handwerk. Und er ist schnell. Er erkennt den ausgehungerten Wanderer, schiebt meine Bestellung mal eben dazwischen und nur ein paar Minuten später mampfe ich glücklich eine verdammt heiße und verdammt gute Pizza. Auf dem Weg zurück zur Domaine kaufe ich mir im Supermarkt ein Gute-Nacht-Bier bei einer freundlichen Verkäuferin und beziehe ein Zimmer in einem sehr großen und sehr leeren Haus.

Idyllenschwerpunkt Schnitzel.

Parkverbot.

Wir meinen's ernst!

Brotbriefkasten DIY.

Nicht mehr weit.

Bis zur Grauligkeit.


Wege auf Hügeln.




Frühling, schon wieder.


Bald ist Wahltag.

Von Francois Hollande hängen überall Poster, von der alten Pfeife Sarkozy nirgends. Dabei hätte ich mir so gerne eins geklaut. Wenigstens haben sie Hollandes Plakat schön verschrumpelt aufgehängt...


Abschied von den Hügeln. Vorläufig.

Montag, 02.04.2012
Maubec nach Savenès
7h / 34 km

In der Nacht höre ich keinen Mucks. Es ist so still, daß ich nicht schlafen kann. Ich bin der einzige Gast, also habe ich die ganze Scheune für mich, kein Straßenlärm, keine Tiere, nix. Erst als der Wind auffrischt, kann ich beruhigt einschlafen.

Das Frühstück ist genauso herrlich wie das Abendessen (bei dem mich die Familie dankenswerterweise alleine gelassen hat -- ist zwar irgendwie schön, in Gesellschaft zu essen, aber gestern Abend wollte ich lieber meine Ruhe). Selbstgemachte Marmeladen. Drei verschiedene Honigsorten. Ordentlicher Orangensaft. Draußen wieder kühles nebliges Wetter, der Wetterbericht hat für die nächsten Tage Regenwetter angesagt, die Bauern warten bestimmt schon sehnsüchtig darauf.

Gleich nach dem Anstieg hoch ins Dorf laufe ich wieder durch einen feuchten Landschaftsmalertraum. Maubec ist ein winziges Dorf, aber so schön verfallen, daß ich wirklich jede Gasse ablaufen muß, bevor ich mich trennen kann.




Weiter auf Hügelkämmen nach Brignemont. Es geht sich leicht in der Kühle, im Wind. Schon auf Kilometer sieht man die Kirche von Brignemont dumpf durch den Nebel. Menschen sehe ich keine. 

In den Gärten warten Hunde darauf, daß jemand von der Arbeit nach Hause kommt. Ein paar Kilometer weiter ackert Traktoren und düngen frisch gekeimte Felder. Und ab und zu überholt mich dann doch die Bauersfrau mit Affenzahn in ihrem alten Citroen-Kastenwagen.

Brignemont hat eine nette Kirche und eine schicke alte Windmühle, ich will das Dorf schon abschreiben als ich ein paar hundert Meter weiter auf ein Meisterstück der Tiefbaukunst treffe. Einen Kreisverkehr. Davon gibt es in Frankreich zwar viele, aber so sinnlos wie dieser hier sind bestimmt wenige. Hier treffen 4 namenlose Bauernsträßlein aufeinander, und damit das mit dem Abbiegen schneller geht, haben manche Richtungen sogar eine Abkürzungsspur, damit man beim Rechtsabbiegen nicht einmal um den ganzen Kreis herum muß. Während ich da stehe und spotte, kommt natürlich kein einziges Auto, um meine These zu bestätigen, daß alle Autofahrer über dieses Bauwerk genauso herzlich lachen wie ich.


Bis zum Mittag hat sich wieder die Sonne durch den Nebel geschraubt und es wird warm. Unter einigen Kiefern am Straßenrand riecht es nach heißen Sand, wie im Wald an der Ostsee, kurz bevor man den Strand sehen kann.

In Beaupuy stehe ich plötzlich auf dem letzten Hügel für lange Zeit: vor mir liegt das Tal und die Ebene der Garonne. Meilenweit flaches Land, überall Felder, jeder Flecken wird genutzt. Beim Abstieg merke ich, daß ich eigentlich schon viel zu lange unterwegs bin und noch nicht mal richtig Mittagspause gemacht habe. Am Wegkreuz unterhalb des Dorfes reicht es wenigstens für eine kleine Rast, ein paar schnelle Schlucke Wasser und ein paar frisch geschnürte Stiefel. Unten an der Hauptstraße wieder die bittere Entscheidung: Kleine Wege nehmen, auf die Gefahr hin, daß sie nicht funktionieren oder lieber gleich Hauptstraße? Ein Blick auf die Uhr entscheidet für mich, die nächsten 5 Kilometer ziehe ich die schnurgerade D6 entlang, immer geradeaus, kein Grad Abweichung. Die Autos sehen mich schon von weitem, es gibt einen Seitenstreifen und bis auf die monotone Leere in meinem Kopf und das Gefühl von "Reicht!" in den Füßen ist eigentlich alles gut.

Ich komme in einem auf den ersten Blick sehr unfranzösischen Haus an. Ehemaliges Bauernhaus, alleine auf dem Feld. In der Scheune allerdings ein Range Rover. Eine Australienflagge weht statt der obligatorischen Frankreichflagge über dem Europabanner. Und mein Glück mit den "Chambres d'hôtes" kennt wieder eine Steigerung. Freundliche Menschen, ein kaltes Bier auf dem Tisch, lockere Gespräche auf der Veranda. Ein Zimmer unter dem Dach, ein riesiges Bett mit einer richtigen Bettdecke (und nicht diesem französisch-amerikanischen Wolldecke-Laken-unter-die-Matratze-Murks), Holzfußboden im Bad, einem guten Abendessen zu viert mit viel Wein und politischen Rissen quer durch den Eßtisch. Die Lockerheit, mit der alle Beteiligten zwischen französisch und englisch und wieder zurück wechseln, ist sehr entspannend. Viel zu spät falle ich ins Bett und bin glücklich.

Sonntag, 1. April 2012

Have a break. Have a KitKat.

Sonntag, 01.04.2012
Gimont nach Maubec
5,5h / 25 km

Der Morgen beginnt eigentlich ganz gut. Keine Sonne. 15°. Wolkig und neblig. Genau mein Wanderwetter. Nachdem ich gestern Abend den Rücksack nochmal entmüllt habe, bin ich mir beim Packen fast sicher, daß ich irgendwas vergessen habe. So leicht hat sich das Ding auf meinem Rücken schon lange nicht mehr angefühlt. Nachdem Carrefour dankenswerterweise auch am Sonntagvormittag offen hat, kaufe ich noch ein paar obligatorische Kleinigkeiten: Möhren, KitKat und ne Flasche Cola (herrlich: hier gibt es die Coke Lime, die ich in Deutschland nicht mehr gefunden habe!). Mehr gönne ich mir nicht, ich will mir das luftige Gefühl auf dem Rücken nicht verderben.

Aus Gimont raus, immer nach Norden. Um den linken kleinen Zeh zu schonen, gehe ich heute konsequent und todesmutig auf der rechten Straßenseite. Und es hilft. Nach einer Stunde zuckt er nochmal, den Rest des Tages aber ist Ruhe. Um es vorwegzunehmen: Als ich am Abend die Pflaster- und Polsterung entferne, sieht alles viel besser aus als erwartet. Es ist zwar eine Dreifachblase auf einer Grundblase obendrauf (jaja, ich hör schon auf), aber wenigstens ist das Scheiß-Hightech-Blasenpflaster weg und das Ganze ist eher besser als schlechter geworden. Jetzt noch ein bißchen Luft und Sonne drangelassen, das wird schon wieder.

Mit den Kilometern in der langweiligen Tallandschaft sinkt die Moral. Immer entlang des Flusses (von dem ich nichts sehe), vorbei an Bauernhöfen (die mich nicht interessieren), durch Neubaudörfer (die mich nicht reizen). Im Geiste formuliere ich schon das bittere Fazit des Tages, um es später aufzuschreiben. "Freudloser Tag. Transitetappe. Strecke machen." Mein Wunschziel war das heute nicht -- eigentlich wollte ich nach Cologne, schon allein des Namens wegen. Aber von den 2 möglichen Unterkünften in dieser 300-Seelen-Metropole wollte eine nicht, und die andere ist zwei Tage lang nicht ans Telefon gegangen. Also umdenken, längere Strecke, Murks, Murks, Murks. Gegen Mittag setzt sich auch noch die Sonne durch, es wird nun doch wieder warm. Ich sehe mich danach, endlich mal wieder eine Stunde durch einen richtigen Wald zu laufen, hier sind Bäume anscheinend nur ein Zeichen für nutzlose Fläche. Sie bleiben stehen, wo es dem Bauern zu mühsam ist, das Feld zu bestellen: An den Steilhängen. An den Bachwindungen. Auf den Hügelkuppen. Liebloses Gehölz. Heute wieder nur Felder und Asphaltwege auf dem Menü.

Als ich mich zur Mittagspause unter drei Bäumen auf einer Feldzufahrt niederlasse, wendet sich das Blatt. Zwei KitKat zum Mittag, ein bißchen lesen, ein bißchen telefonieren und schon hat sich das Motivationstief eben mal um 180° gedreht. Lockerer Tag. Schlenderschritt. Nicht zu warm, Wind passt auch. Den ersten Grillgeruch des Frühlings gerochen. Ganz andere Straßenmöblierung als sonst: Familien auf Fahrrädern, Rentner im Peugeot 205 auf Sonntagsfahrt mit 20 km/h, Motorradfahrer. Ich erweitere meine persönliche Weisheit "Wenn nichts mehr hilft, weiterlaufen." um den kleinen Einschub: "Wenn nichts mehr hilft, erstmal ordentlich Pause machen, dann weiterlaufen."

Durch Sarrent, mit Brief und Siegel und Schild am Ortseingang als eines der schönsten Dörfer Frankreichs prämiert. Ich gehe die paar Straßen ab, denke mir noch "nette Kirche, nette Bäume, schickes Türmchen und nu?", da sehe ich ganz klein unten im Turm einen Durchgang mit Fallgitter. Dahinter: Historisches Gemäuer. Kleine Häuser, dicht aneinandergebaut, in der Mitte die Kirche. Ein Wehrdorf aus dem wasweißuichwievielten Jahrhundert, und herrlich anzusehen. Ich teile es mir mit ein paar streunenden Sonntagsausflüglern, mache Fotos und schlendere.


  


Die letzten Kilometer auf der Landstraße nach Solomiac, lockeres Gehen in der Sonne, hinten auf der nächsten Hügelkette winkt schon wieder das nächste mittelalterliche Dorf. Irgendwo da vorne rechts ist der Bauernhof, wo ein Zimmer und ein kleines Abendessen auf mich warten. Ich treffe auf eine Familie, die schonmal den Pool für den Sommer vorbereitet, beziehe ein herrliches Zimmer unter dem Dach einer ausgebauten Scheune und bin nach einer Dusche mit Ausblick auf die Felder wieder der glücklichste Wanderer der Welt.


Draußen spielen die Hunde, die kleine Tochter singt die französische Version von "Heidi" auf der Schaukel, ich sitze auf der Terrasse und schreibe mein Tagessoll, während ich meine Füße in die Abendsonne halte und alles ist genau so, wie es sein soll. Es ist nur so verdammt bitter, daß man in solch schönen Unterkünften immer nur eine Nacht verbringt, aber die gute Erinnerung an freundliche Leute in freundlichen Häusern nehme ich gerne mit. 

Mir egal, wie lang die Etappen der nächsten Tage sind und wie hart sie werden: Hier bin ich richtig. Und auf dem richtigen Weg.

Die Farben des Frühlings.

Gelb, grün und braun.


Seltsame Dinge in Frankreich. Teil 3.

Dreieckiger Wasserhahn... Mit besonderen Grüßen an den Ex-Installateur...