Dienstag, 10. April 2012

Himbeertörtchen und Gewitter.

Dienstag, 10.04.2012
Villefrance-en-Rouergue nach Foissac
7 h / 30 km

Ich spare mir das Frühstück im Umgehungsstraßenhotel und baue auf den Supermarkt gleich gegenüber. Als die Hoteltür hinter mir zufällt, sehe ich einen ziemlich düsteren Himmel mit Gewitterwolken. Das kann ja heiter werden.

Der SuperU serviert mir das skurrilste Einkaufserlebnis, das ich mir vorstellen kann. Der Laden wird gerade komplett umgebaut -- bei laufendem Betrieb. Halbleere Regale, dunkle Gänge fast ohne Beleuchtung, Handwerker überall, abgesperrte Bereiche, schnell ausgedruckte Wegweiser zur Brotabteilung oder zum Gemüse, aus unfertigen Regalteilen aufgebaute Sackgassen, in denen sich alte Damen mit ihren Einkaufswagen verkeilen, überall suchende Gesichter und über allem das gehetzte Gefühl, daß man noch schnell alles zusammensuchen muß, bevor dieses Provisorium mit einem letzten pfeifenden Pfffff zusammenschnurrt. Die Dame von der Information läuft mir durch den halben Markt hinterher, damit ich meinen Rucksack vorne abstelle, ich finde die Getränkeecke nicht, aber alles egal: Neben dem Baguetteregal entdecke ich - Himbeertörtchen.

Draußen ist der Laden eine genauso große Baustelle wie drinnen, ich mache mich am Friedhof vorbei schnell aus dem Ort davon. Schon nach ein paar hundert Metern wartet eine niedrige Mauer auf mich und mein Frühstück und statt im Hotel für 8,50 EUR ein Croissant, ein bißchen Baguette mit Portionsmarmelade und eine Tasse Tee zu kriegen, frühstücke ich Himbeertörtchen, Joghurt, Baguette mit Käse und Schinken und einen Schluck Orangina. Daß mich dabei alle Anwohner der Siedlung, die mit ihren Autos an meiner Mauer vorbeifahren, anglotzen als wäre ich vom Mond, ist mir gerade herzlich egal.

Kurz darauf fängt es an zu regnen. Über Villefranche sehe ich die ersten Blitze, der ganze Horizont hinter mir ist eine dunkelgraue Wand. Ich äuge schon links und rechts auf die Felder, ob irgendwo ein Schuppen zum Unterstellen zu sehen ist, aber nein, statt dessen serviert mir die Straße: Bänke. Mit Mülleimern nebendran. Eine nach der anderen. Was für ein Hohn: Wenn ich bequem sitzen will, finde ich nix, wenn es regnet, gibt es Bänke.

Meine Suche nach Unterschlupf bleibt erfolglos, nach einer guten halben Stunde ist das Schlimmste vorbei, weiter hinten wird's schon wieder heller, aber ich bin erstmal getunkt. Die Hose könnte man mit dieser Nässe auch direkt aus der Waschmaschine angezogen haben und die Taschentücher aus der Hosentasche kann ich mit einer Hand auswringen. 

Das trocknet schon wieder. Und es braucht ungefähr eine gute Stunde, bis es kurz hinter Toulongergues wieder zu regnen anfängt. Selbstverständlich in dem Moment, als ich an einer Bank vorbeigehe. Erst tröpfelt es nur ganz leise, beim Aufstieg auf den Hügel spiele ich kurz mit dem Gedanken, in der Scheune da beim Bauernhof einfach Pause zu machen, sehe im letzten Moment aber noch den Hofhund, der im Heu pennt. Zwanzig Minuten später hätte ich alles geopfert, vor allem das Stück Wurst aus meinem Rucksack, um den Hund zu bestechen: Die Wolken werfen in einem guten Gewitterguß alles ab, was sie haben und ich stehe gerade auf freiem Feld. Ein paar hundert Meter weiter ist ein Futterplatz für die Kühe, mir scheißegal, da ist ein Wellblechdach drauf. Über eine halbe Stunde stehe ich klatschnass und bibbernd in diesem Metallkäfig mit Dach im Wind, bevor der Regen langsam nachläßt und ich mich wieder warmlaufen kann.

Den restlichen Tag verbringe ich mit sorgenvollen Blicken zum Himmel, die Gewitterschauer hängen immer wieder drohend an allen Fronten. Irgendwann läßt sich bei aller fotogenen Dramatik nicht mehr leugnen, daß die nächste Wand wahrscheinlich auf mich runtergehen wird, und so fängt es nur eine Dreiviertelstunde vor Etappenziel wieder an zu gießen. Wieder kein Unterschlupf zu finden. Als ich um die nächste Ecke biege, stehe ich vor einem Touristenparkplatz: Die Grotte von Foissac. Ein Büdchen bewacht den Eingang, verkauft Eintrittskarten für die nächste Führung, die in 10 min beginnt und schenkt außerdem kalte und heiße Getränke aus. Wenn mich die Straße eines gelehrt hat: An solchen Zeichen darf man nicht vorübergehen. Ich tue es zwar immer noch viel zu oft, weil ich meinen eigenen Kopfplan durchsetzen will, aber nicht hier. Nicht jetzt. Während die Dame meinen Tee bereitet, kippe ich ne Cola. Als ich den Tee getrunken habe, geht die Führung los. Dauer: Ca. eine Stunde. Das dürfte reichen, um das Gewitter vorbeizulassen.

Unten gibt es Stalagmiten und Stalagtiten, archäologische Fundstücke und Skelette, wir rennen mit dem Guide in fast 90 min durch die Höhle und als wir wieder oben ankommen, ist es draußen empfindlich kalt geworden. Dafür regnet es nicht mehr. Mission accomplished. Rucksack auf und weiter.

Aber nur eine Viertelstunde später hat mich der Regen erwischt und weicht mich auf den letzten paar Kilometern nochmal schön durch. Egal, was soll an einem Tag, an dem man Himbeertörtchen gefrühstückt hat, noch irgendwie zu meckern sein. Mein Hotel ist ein Landstraßenhotel an einer Kreuzung am Arsch der Welt neben einer Tankstelle; irgendwie konsequent, wenn ich mich an mein Umgehungsstraßenhotel von gestern erinnere.

Es gibt eine Badewanne, eine Heizung, genügend Kleiderbügel und Stühle, um alleallealle meine nassen Sachen aufzuhängen, ein Abendessen und doppelte Türen und Fenster gegen den Straßenlärm. Das alles zählt heute. Das Meckern oder Ärgern über das Weh und Ach von Hotelzimmern habe ich hier schon lange hinter mir gelassen. Waschen, schlafen, essen. Mehr braucht das Tier nicht.

Montag, 9. April 2012

Endlich: Sarko-Poster.

Heute endlich das erste Sarkozy-Wahlplakat am Straßenrand. Ich bin sprachlos ob der vollkommenen Inhaltsleere des Posters und des unsagbar dämlich-verträumten Gesichtsausdrucks von Monsieur Sarkozy. Soll der ruhige, in die Ferne schweifende Blick dem geneigten Wähler etwa sagen: "Du kannst mich ruhig wählen, ich hab mir die Hörner abgestoßen und bin schon VIEEEEL staatsmännischer geworden..." Mal gucken, ob man das Poster irgendwo bestellen kann...

Oui, il marche.

Transsylvanische Einsamkeit und Strategien zur Altstadtvermeidung.

Montag, 09.04.2012 (Ostermontag)
Najac nach Villefranche-de-Rouergue
6 h / 25 km

Endlich geht's wieder los. Dieser Satz dröhnt den ganzen Morgen in meinem Kopf. Um 0700 bin ich wach. Um halb acht stehe ich unter der Dusche. Um 0800 räume ich schonmal den Rucksack zusammen. Dann frühstücken. Danach nochmal schnell ein paar Sachen im Netz klären. Und los.

Um 1000 stehe ich mit einem furchtbar leichten Rucksack vor dem Hotel und ziehe endlich wieder los. Die zwei Pausentage waren herrlich, aber alles in mir will weiter, sowohl geistig als auch körperlich.

Der kleine Weg runter ins Tal zweigt direkt vom Platz vor dem Hotel ab. Auf Räuberwegen geht's langsam aber stetig am Hang entlang bis auf die Talsohle. Als ich mich aus Versehen nochmal umdrehe, thront das Château auf dem Berg wie ein Schloß aus einem alten Gruselfilm. Ein Gedanke, der die nächsten Stunden bestimmt. In diesem Tal gibt es nix: nur eine Eisenbahntrasse (auf der anscheinend alle 5-6h ein Zug fährt), einen Fluß und einen Wanderweg. Weit und breit kein Mensch zu sehen -- um es vorwegzunehmen: Die erste menschliche Seele werde ich erst 3h später sehen. Leere Wege, kein Auto zu hören, nur das Rauschen des Flusses. Das hätte eigentlich viel Friedliches, aber die Stimmung ist den ganzen Vormittag bestimmt von diesem schauerlich-schönen Anblick der Burgruine von Najac.

Nach einer guten Stunde biegt der markierte Weg am Tunnel Rouge ab, der geneigte Wanderer darf hier auf der Eisenbahnbrücke den Fluß überqueren und kurz darauf den ganzen Talhang wieder hochkeuchen und das Tal verlassen. Dazu habe ich eindeutig keine Lust, zumal auf der Karte ein mehr oder weniger durchgehender Weg markiert ist. Nach der Abzweigung wird es gefühlt noch einsamer - verlassene und verfallene Steinhäuser tauchen am anderen Flußufer auf, nirgends regt sich was. Würde nicht just in diesem Moment der einzige Bummelzug für diesen Vormittag durch das Tal tröten, wäre es noch unheimlicher. Kurz vor einem eingezeichneten Haus an einer Flußbiegung mitten im Nirgendwo ist es dann soweit: Ich stehe wieder vor Stacheldraht und vor der Entscheidung, entweder eine Stunde zurück zu gehen und auf dem langweiligen Standard-Pfad aus dem Tal rauszusteigen oder mir etwas einfallen zu lassen. 

Über den Stacheldraht klettern und einfach an dem Haus vorbeigehen kommt hier nicht in Frage, ich hatte gerade relativ frische Motorrad-Spuren auf dem Weg gesehen, also gehe ich mal davon aus, daß der Eigentümer vielleicht zum Osterwochenende auf seinem Landsitz im Nirgendwo sitzt. Bleibt Plan B: Der Eisenbahntunnel. Bitte jetzt kein Zug. Ist zwar theoretisch genug Platz nebendran, aber so eine Aktion könnte - wenn dich der Lokführer sieht - in Deutschland durchaus dazu führen, daß der Bahnbetrieb gestoppt wird und erstmal die Polizei ausrückt, um den Wanderer auf der Bahnstrecke zu suchen. Andererseits ist vor gerade mal 15 Minuten der wahrscheinlich einzige Zug für die nächsten Stunden auf der eingleisigen Strecke hier vorbeigefahren, wird schon werden. Mein Hasenherz pumpt Adrenalin, als ich die 700m im Stechschritt neben den Gleisen durch den Tunnel marschiere. Dahinter stoße ich wieder auf den Weg von vorhin und habe quasi die Flußbiegung samt Privatgrundstück abgeschnitten.

Danach wieder: herrlich einsame Wege, weit und breit kein Lebenszeichen von irgendwem. An der Kreuzung zur Straße isses dann echt genug. Der Weg, aus dem ich komme, ist von der Straße her mit sage und schreibe drei Schildern, der obligatorischen Strippe quer über den Weg, einem Sandhaufen UND einem tiefen Graben gesichert. Damit auch ja niemand...Kommt mal wieder runter, ihr Grundstückseigentümer Frankreichs.

Den Rest des Tages im Bummelschritt und bei gegenteiliger Stimmungskulisse parallel zur Bahnstrecke. Einen Zug, der mich im Tunnel hätte erwischen können, treffe ich die nächsten zwei Stunden nicht. Dafür einen weißen Peugeot, in dem ein junger Typ seiner Freundin illegale Fahrstunden gibt, drei Motocross-Fahrer auf der Suche nach spannendem Terrain, einem mißtrauischen alten Mann mit Traktor und kurz vor der großen Straße einen kleinen Pinscher, der sich beim Vorbeilaufen so nah von hinten ranschleicht und -kläfft, daß ich erst blind nach hinten trete und dann mit großer Geste und Fußstamper für Ruhe sorgen muß. Verfluchte Fußhupen, es sind immer diese kleinen Ratten...

Schon früh blitzt Villefranche am Ende des Tals auf, viel größer als erwartet, aber ganz offensichtlich auch mit historisch wertvoller Altstadt. Meine Lust, wieder Mittelalterfotos zu machen, ist heute auf dem Nullpunkt und ich umgehe das historische Kulturgut mutwillig und weiträumig. Durchs Industriegebiet mit seinen blinden Fenstern und zugenagelten Türen auf die Umgehungsstraße zu meinem Umgehungsstraßenhotel. Zu Essen gibt es heute nichts, der Supermarkt nebenan hat natürlich Feiertag bevor ich jetzt nochmal richtig runter in den Ort orgele, ziehe ich mir lieber eine Dose Schweppes am Automaten und gut isses. Dafür kann ich mir morgen gleich vor der Haustür ein schönes Picknick zusammenkaufen.

Special Interest: Ölgeruch.







Bonjour, je m'appelle Sarko.

Osterspazierung durch Najac.

Vormittags ist noch alles still. Kein Schwein auf der Straße... Als ich gegen Mittag von der Schloßbesichtigung zurückkomme, ist die Invasion da. Touristen! Schon auf den ersten 500m begegne ich der ersten Gruppe Japaner. Gleich danach das erste deutsche Auto und natürlich Briten. Kleinbusweise. Später im Hotel höre ich beim Mittagessen im Wesentlichen reines Oxford-English. Die Urlaubssaison ist da...








 



Sonntag, 8. April 2012

Namen, auf die ich nicht neidisch bin. Teil 1.

Das könnte mein Hinterhof sein.

Vor allem bei dem Efeu-Traktor und dem rassigen weißen Sportwagen habe ich glasige Augen gekriegt.




Weil ich mich immer beschwere.

Ich mosere ja immer, daß ich hier nix zum Sitzen und Pause machen finde. Hier der Gegenbeweis. Oder die Ausnahme zur Regel.


Just for the records: Ich habe mich aus Prinzip hier NICHT hingesetzt...

Some "franglais" for our english speaking customers.

Good luck with the heater...


Noch mehr Postkarten. Hochglanz.

Freitag, 06.04.2012 (Karfreitag)
Saint Antonin Noble Val nach Najac
7h / 28km

Ich entscheide mich beim Frühstück gegen eine Tour unten durch die Täler. Wenn ich gestern Abend schon den Berg wieder hochgekeucht bin, soll das wenigstens nicht sinnlos gewesen sein. Oben auf dem Plateau sind die Blicke weit, die Felder grün, eine ruhig gegliederte Landschaft mit viel Wald. Die Kleinteiligkeit der Felder der letzten Wochen ist weniger geworden, auch die Verbissenheit, mit der die Bauern jeden Quadratmeter ihres Landes verteidigen. Hier ist mehr Platz. Allenfalls ein müder Elektrozaun trennt den Acker vom daneben liegenden Weg.

Es ist bewölkt heute, der Wind weht die Wolkenfetzen und mit ihnen riesige Sonnenflecken übers Land. Nach einer guten Stunde Straße entscheide ich mich spontan, einem Wanderweg zu folgen und biege rechts ab. Gute Entscheidung, denn der schlängelt sich am Ende sowieso in etwa da lang, wo ich sowieso lang wollte. Auf schmalen Pfaden zwischen den Feldern hindurch. An alten Steinmauern vorbei den Hügelkamm entlang. Es geht sich leicht und trotz Feiertag ist alles ausgestorben und nur ein paar brennende Reisighaufen in den Dörfer verraten, daß hier noch irgendjemand irgendetwas tut.




In Verfeil lese ich die amtlichen Mitteilungen vor dem Rathaus, esse auf der Bank daneben als Mittagessen meine Tomaten, gucke ein paar Katzen hinterher und fröstele im Wind. Überall Autos mit englischen Kennzeichen. Entweder haben die Briten das halbe Dorf aufgekauft oder die Urlaubssaison hat begonnen.Ich vermute irgendwie beides...

Kurz vor Saint Martial beginnen die grauen Wolken doch zu regnen. Ich halte an, um mein Regenzeug anzuziehen und nur zwei Minuten später stehe ich wie der letzte Clown auf der Straße. War doch nur ein Schauer - - bis ich meine Klamotten angezogen und die Regenhülle über den Rucksack gestreift habe, ist die Husche schon wieder vorbei und ich stehe in vollem Regenzeug in der Sonne. Also gleich wieder retour...



Beim Abstieg nach Najac fiebere ich auf die erste Aussicht mit Château und Kirche (zu einem ordentlichen Foto bin ich aber anscheinend nicht fähig...), mich erwartet heute Abend wieder eine Postkarte. Und genauso kommt es. Najac thront über einer engen Schleife des Aveyron auf einem Bergsporn, auf der höchsten Stelle das Château, davor und dahinter zieht sich das Dorf den Hügelkamm entlang. Ich stoße natürlich wieder auf den Jakobsweg, die ersten Wohnmobile, die ersten Touristen und plötzlich merkt man wieder ganz deutlich, daß wir im verlängerten Osterwochenende sind. Ein letztes Mal für heute keuche ich den Berg hoch und komme aus dem Staunen über Häuser und Gassen nicht mehr heraus. Ich verschiebe sämtliche weiteren Fotoaktionen auf morgen (oder so), kaufe mir statt dessen in der Bäckerei am Place du Faubourg zwei Pizzastücke und mache schonmal zufrieden mampfend Abendbrot.

Mein Hotel für die nächsten Tag erweist sich als Glücksfall. Sehr freundliche Leute, ein schönes Eckzimmer mit zwei Fenstern, ein großes Bett mit richtiger Decke, funktionierendes Internet und ein - wie ich am nächsten Abend feststelle - gutes Restaurant und das alles zu einem insgesamt sehr vernünftigen Preis habe ich in der Kombination in Frankreich noch nicht gehabt. Und ich genieße es, endlich mal nicht der einzige Gast zu sein. Endlich mal wieder "one of the crowd". Der Laden ist voll und ausgebucht, überall wuseln am Abend Osterurlauber herum und ich sitze still und zufrieden bei einem Glas Whiskey auf dem Sofa im Foyer und freue mich auf ganze zwei Tage Pause und Nichtstun.

Samstag, 7. April 2012

Kleine Wege, großes Glück.


Besser gehts kaum.

Donnerstag, 05.04.2012
Bruniquel nach Le Bosc de Lacam (Saint Antonin Noble Val)
9 h / 33 km

Beim Abschied komme ich mit Marc doch noch ins Plaudern. Gestern Abend waren wir so von den Netzwerkproblemen eingenommen, daß wir vollkommen versäumt haben, festzustellen, daß wir beide gerne in der Natur unterwegs sind. Während wir auf der Mauer vor dem Haus in der Morgensonne sitzen, hört er sich meine Pläne an und versteht sehr gut, worum es geht. Für den heutigen Tag hat er sofort eine Wegalternative parat, was ich normalerweise freundlich nickend weglächele, aber nicht heute. Statt der Tour unten am Fluß entlang rät er mir zu einem markierten Höhenweg, der bis Saint Antonin führt. Wir verabschieden uns und ich zuckele über steile Kräuterhexenpfade runter ins Tal.

Auf der Brücke nochmal die Fische beobachten, aus irgendeinem mir immer noch fremden Impuls eine Münze in den flachen Fluß werfen und den Aufstieg in Angriff nehmen. Endlich ein kleiner schmaler Pfad, so wird es heute den Großteil des Tages bleiben. Der Weg hält sich brav weg von irgendwelchen Straße und es ist herrlich, endlich mal keinen Asphalt unter den Füßen zu haben. Als ich mich am Talhang nach oben schraube, eröffnet sich nochmal eine tolle Aussicht auf Bruniquel und vor allem auf die Frage, warum zur Hölle ich ausgerechnet heute eine lange Hose angezogen habe. Die Sonne scheint! Gestern habe ich vielleicht mal gefroren, aber jetzt schwitze mich schon nach 20min Weg wie ein Schwein. Im Gegensatz so sonst fackele ich nicht lange, bringe meinen Rucksack mitten auf dem Weg zur Explosion und krame von ganz unten die kurze Hose hervor.

Unter mir fließt träge der Aveyron, von hier oben aber gibt es mit der Vormittagssonne Aussichten zum Niederknien. Postkarten über Postkarten. Der Weg geht an der oberen Hangkante entlang, begrenzt durch moosbewachsene Steinmauern aus wasichfüreinem Jahrhundert. Ich komme gefühlt kaum voran, weil ich ständig Fotos machen muß, aber es sind stille schmale steinige Pfade durch den noch kahlen Bergwald. Was würde ich dafür geben, die Zeit ein paar Wochen weiter zu drehen, um hier alles in sattem Grün zu sehen.

Überall Spuren von alter Besiedlung, alter Landwirtschaft, alten Wegen. Über wieviele Leben ich wohl gerade gehe: Seit wie vielen Jahrhunderten gehen Menschen über diese Pfade? Jetzt wachsen wieder Bäume in den vor vielen hundert Jahren blutig der Natur abgerungenen Hänge. Jedes Dorf eine Zeitreise, jede Flußschleife eine neue Seite im Buch der Alten. Befestigte Dörfer, Châteaux, Ruinen, Brücken. Zuviel für einen einzigen Wanderer. Wie so viele Seiten, die ich schon habe liegen lassen, schlage ich auch dieses Buch nicht auf und ziehe meines Weges.

Seit ein paar Tagen spüre ich einen starken Zug vorwärts, den ich mir nicht erklären kann. Ich ahne zwar, daß ich vorankomme, aber die Relationen in diesem Land sind mir komplett fremd. Was bedeuten die 600 km, die ich bisher hinter mich gebracht habe? Wie auf einem Fluß ziehe ich langsam aber stetig durchs Land, spüre vieles sehr intensiv und streife doch nur kurz die Oberfläche. All die Häuser, an denen ich vorbeiziehe. All die Leben. All die Geschichten. Und hinten am Feldrand verschwindet der Wanderer um die nächste Kurve.



 Unten an der Straße bereitet sich offensichtlich alles auf den morgigen Start der Sommersaison vor. Ostern steht vor der Tür. Der Picknickladen verkauft mir kalte Orangina, obwohl er eigentlich er morgen aufmacht, und tut mir damit einen größeren Gefallen, als mir die 2 Euro wert waren.

Zum x-ten Mal schraubt sich der Weg wieder vom Talniveau hoch auf die Bergplateaus, ich folge ihm dankbar. Zielsicher zwischen allen Hindernissen durch, gekonnt vorbei an allen Stacheldrähten, gewitzt mit einem kleinen Pfad am Fluß die große Straße vermeidend. Ich weiß zwar von meiner Karte her, wo ich gerade bin, da der markierte Weg dort aber nicht eingezeichnet ist, habe ich keine Ahnung, wo ich als Nächstes langgehen werde. Für mich ein hartes Stück Brot, aber es funktioniert so gut, daß ich dem Weg irgendwann einfach vertraue. Bis er am Pech de Peloffe irgendwann links abbiegt. Naja, vielleicht will er dann so - und so - und so... Pustekuchen. Unentschlossen folge ich dem Weg und laufe an allen möglichen Abzweigungen vorbei die ganzen 250 Höhenmeter, die ich eben raufgekeucht bin, wieder runter. Zwar in einem sehr abgefahrenen Tal aus Kalkstein und Schotter, das mich irgendwie an Arizona erinnert, aber nach einer Stunde stehe ich wieder unten an der Straße. So haben wir nicht gewettet, mein Freund.

Kurz vor Brousses folge ich ihm noch ein letztes Mal, um auf die kleine Nebenstraße zu kommen, dann ist es aus mit der Freundschaft. Den nächsten 300m-Anstieg, den der markierte Weg anscheinend vollführen will, um gerade mal zwei Flußschleifen abzukürzen, macht er ohne mich. Ich bleibe auf der totenleeren Nebenstraße und gucke mir das Tal und die Felsen an. Überall an den senkrechten Wänden sieht man Höhlen im Fels, in mir steigt ein Klettern-Abenteuer-Erkunden-Reflex auf, mit dem man hier wahrscheinlich Wochen zubringen könnte.

Der Himmel zieht sich langsam wieder zu und ich warte auf den Regen.

In Saint Antonin empfängt mich der heißersehnte Supermarkt. Abendessen gibt es in meiner Unterkunft heute Abend nicht, also will ich mir was Schönes kaufen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in Saint Antonin einfach mal keine Fotos zu machen und das Dorf links liegen zu lassen, es ist schon spät und ich habe noch eine Stunde Weg vor mir. Aber nach zweimal Abbiegen in der Altstadt kann ich nicht anders und fummele die Kamera aus der Tasche.


Überall im Ort Menschen, die sich offensichtlich auf das lange Osterwochenende freuen. Jugendliche beim Grillen. Alte Männer beim Boule-Spielen. Alle machen ihren Abendspaziergang.

Im Carrefour überkommt mich wieder ein Kaufrausch, noch im Laden hasse ich mich dafür, diesen Lebensmittelberg noch eine Stunde und ein gutes Stück bergauf schleppen zu müssen. Mit einem turmhohen und sauschweren Rucksack und einer Zusatz-Einkaufstüte in der Hand quäle ich mich wieder den Hang hinauf. Oben wird dann plötzlich alles ganz leicht. Die Sonne steht schon tief unter den Wolken, ich ziehe durch ein sehr stilles Dorf, das schon geschlossen hat und gütig lächelnd der alten Katze neben sich den Kopf tätschelt, während ich vorbeiziehe, ohne auch nur einen einzigen Menschen zu sehen.

Meine Unterkunft ist hinter den Bergen bei den sieben Zwergen, nach dem Dorf noch zweimal abbiegen, das vorletzte Haus am Feldweg. Monick (ja!) wartet schon, zeigt mir mein Zimmer und nach der Dusche sitze ich draußen in der Dämmerung vor einem Tisch, der sich unter meinen Einkäufen biegt. An denen ich wahrscheinlich noch 3 Tage essen werde, wobei ich nicht weiß, ob ich das morgen überhaupt alles tragen kann.

Aber das sehen wir morgen. Über das Osterwochenende mache ich ein paar Tage Pause in Najac, ich freue mich darauf, endlich mal wieder morgens nicht meine Tasche packen zu müssen.

Über jedes Bacherl geht a Brückerl.

Und obendrauf steht meistens ein Wanderer.