Dienstag, 3. Juli 2012

Wer zu viel Pause macht, wird am Ende bestraft.

Montag, 02.07.2012
Waller nach Pruppach (Königstein / Oberpfalz)
8,5 h / 33 km

Frühes Frühstück, der Tag wird lang und hart werden. Im Frühstücksraum wartet ein Wurstteller auf mich, zusammen mit einigen Fliegen. Ansonsten Ödnis. Cornflakes und Müsli gibt es anscheinend, aber wohl nur, wenn mehrere Gäste da sind. Ein paar Scheiben Brot, eine Kanne heißes Wasser und weit und breit kein Mensch. Als ich meine Sachen zusammengepackt habe, lasse ich den Schlüssel in der Tür stecken und gehe, ohne jemanden zu suchen, um mich zu verabschieden. Der Eindruck von gestern Abend setzt sich fort: Seltsamer Laden.

Draußen ist es sehr still, gleich hinter dem Haus beginnen Feld und Wald. Der Weg führt durch das Molsberger Tal runter nach Happurg -- alles noch Ecken, die ich irgendwie kenne. Manche zu Fuß, manche mit dem Fahrrad. 

In Happurg lasse ich erstmal den Mittagessen-Einkäufer von der Leine. Wurstsalat und grobe Hausmacher-Stadtwurst vom Metzger, dreierlei Brotkuchen und eine Flasche Saft vom Bäcker. Und schon ist das zähe und schwüle Wetter vergessen, die zahlreichen Bremsen, die immer wieder erschlagen werden wollen, das fette Stück Weg, das heute noch vor mir liegt. Beim Versuch, mich auf kleinen Wegen durch das Pegnitztal rüber zum Weg nach Eschenbach zu mogeln, gerate ich ziemlich ins Off und strande zwischen Bahnlinie, Bundesstraße und Pegnitz. Bis ich wieder auf Kurs bin, dauert es gute 20 Minuten und zum Dank für die Anstrengung darf ich auch noch feststellen, daß ich die Prozedur um locker 18 Minuten hätte abkürzen können, wenn ich einfach mal richtig auf die Karte geschaut und clever kombiniert hätte.

Hat er aber nicht. Zum Trost steuere ich die nächste Bank an, daß hinter meinem Rücken die Bundesstraße dröhnt und vor mir die Radler vorbeitrommeln, stört mich jetzt auch nicht mehr. Ich lese ein bißchen, gönne mir ein spätes zweites Frühstück und gucke ein doof in die Gegend. 

Zwischen Hohenstadt und Eschenbach kenne ich alles. Auf dem Radweg bin ich schon entlang geradelt, auf der Straße bin ich schon entlang geradelt. Auf dem Sportplatz von Eschenbach war ich seltsamerweise auch schonmal. Danach geht's rechts weg ins Hirschbachtal, kennichkannich. 
Hier waren wir in meiner Kindheit gefühlt ständig unterwegs mit der Familie. Wandern, Klettern, Sonntagsdinge. Den Ausflug auf den Norissteig und irgendwelche Kletterpartien an den Felsen habe ich mir selbst gestrichen, das kann ich noch ein andermal machen. Ich will weiter! Also laufe ich statt dessen den Talweg, unter grellgrünen Buchen, rechts im Wald kann man schon die ersten Felsen erahnen. Fischbrunn, Unterhirschbach, Mittelhirschbach. Man kann den Wochenendtourismus förmlich riechen, der allerdings an diesem Ruhetags-Montag nur Tristesse verbreitet. Trotz prall mit Proviant gefülltem Rucksack bekomme ich Lust auf eine richtige Gaststätten-Mittagspause, finde aber nix, was ernsthaft offen hat. Dann eben nicht.

Gleich hinter Hirschbach geht es wieder steil rauf auf die Hochflächen. Genauso hat der Tag auch schon angefangen, mit leeren Felder und stillen Wegen oben über den Tälern, während unten die Autos auf den Straßen dröhnen und die Dörfer die Touristen atmen. Hier oben ist es wieder die Leere, die den Ton angibt. Straßen, auf denen man beruhigt in der Mitte laufen kann, weil nur alle halbe Stunde ein Auto kommt. Ich finde eine Bank mit Sonne und Aussicht, gammle gefühlte Ewigkeiten rum und genieße es, nicht gehetzt zu sein. 

Als ich wieder loslaufe, muß ich erstmal die kleine Ameisenkolonie entsorgen, die in der Zwischenzeit den Bereich zwischen meinem Rucksack und der Holzbank bevölkert hat. Zwei Kilometer weiter suche ich mir eine kleine Abkürzung zusammen, die grandios im Unterholz scheitert und als ich wieder auf der Straße stehe, beginnt es zu regnen. In der Ferne höre ich auch schon den ersten Donner, also zügig weiter. 

Die nächste Abkürzung klappt, neben dem Maisfeld hat ein kluger Bauer einen kleinen Weg angelegt. Kurz vor dem Wald wird aus den ersten Tropfen eine deutliche Gießkanne, ich verkrieche mich für zehn ungemütliche Minuten unter den schweren Zweigen von ein paar Fichten, bevor ich dann doch irgendwie weiter will. So schlimm wie zuerst gedacht ist der Regen dann doch nicht. Kurz vor Ratzenhof geht's dann aber doch richtig rund. Innerhalb von drei Minuten regnet es Bindfäden, das Gewitter scheint recht nah zu sein. Mutlos tappe ich durch den Ort, alle Blicke links und rechts nach einer Scheune, einem Vordach, irgendwas suchend. Nichts! Alles verrammelt... Aber am Ende des Dorfes gibt es ein Bushäuschen mit Bank, von dem aus ich mir klatschnaß, aber im Trockenen, für die nächste halbe Stunde den Gewitterschauer da draußen anschaue.

Als es weniger wird, ziehe ich mit zügigem Schritt weiter, verpasse dummerweise die richtige Abzweigung und muß jetzt doch den Umweg durch das nächste Dorf nehmen. Naja, dann laufe ich wenigstens Straße und kriege nicht noch das ganze nasse Gras auf den Feldwegen ab. Kurz vor Pruppach schaue ich mich nochmal aus Versehen um und sehe die nächste Gewitterfront hinter mir. Kurz darauf höre ich sie auch. Und gleich danach beginnt es zu regnen. Und zwar richtig. Dagegen wir der Guß vorhin in Ratzenhof eine Kindergießkanne. 500 Meter weiter sehe ich schon die Häuser von Pruppach, aber mit Wucht legt der Regen noch eins drauf und ich hechte rüber zum Apfelbaum, der ein ziemlich dichtes Dach hat und nicht allzu groß ist. Vielleicht ist das, denke ich mir, ein ganz guter Kompromiß aus Sicherheit und Trockenheit. Aber ich habe die Rechnung ohne den Regen gemacht. In der nächsten Viertelstunde steigert er sich immer mehr, trotz Regenklamotten bin ich schon naß bis auf die Haut, meine Jacke tropft nicht mehr, das Wasser läuft von ihr herunter. Das Apfelbaumdach hilft inzwischen gar nichts mehr. Es ist zum Verzweifeln. Mehrmals überlege ich mir, vielleicht doch loszurennen und mich bis zum Dorf durchzuschlagen, aber das Gewitter ist in der Nähe, ich kann es hören und irgendwie auch spüren. Draußen läuft ein desorientierter Feldhase vorbei, völlig naß, er weiß auch nicht wohin mit sich, ich bin nur zwei Meter entfernt, er bemerkt mich in dem Inferno gar nicht.

Während ich noch unschlüssig unter dem Baum herumkauere, blitzt es zweimal kräftig und hell, in meinem Kopf komme ich gerade noch bis "Sch...!" und es folgt ein markerschütternder Einschlag irgendwo gleich nebenan. Ich werfe mich flach auf den Boden und schreie in den Matsch hinein, kauere wie ein Wurm unter dem Gewitter und kann mich nicht erinnern, jemals größere Angst als in diesen Momenten gehabt zu haben.

Irgendwann hören sich Blitze und Donner weiter weg an, ich mache mich an die letzten Meter bis zum Dorf, wo mein Landgasthof wartet. Als ich die Tür öffne, regnet es schon nicht mehr. Auch wenn man sich in so einer Situation wahrscheinlich auch im letzten Loch wohlfühlen würde, hier bin ich richtig gelandet. Ich hänge meine Klamotten zum Trocknen auf, ahne allerdings, daß das Zeug bis morgen früh nicht trocken sein wird. Egal.

Müde und hungrig von den Erlebnissen der letzten Stunde gehe ich runter in die Gaststube, trinke Bier, bis das Adrenalin und die schlechten Gedanken runtergespült sind. Der nächste Gast bringt die Nachricht mit, daß im Radio gerade eine Unwetterwarnung für die Oberpfalz ausgegeben wurde -- zu spät, Kollegen. Als ich im Bett liege, kommt der fiese Gedanke: "Hätte ich nicht so lange Mittagspause gemacht, hätte ich mir dieses Erlebnis erspart. Eine Viertelstunde hätte gereicht..."

1 Kommentar:

  1. Hallo, lieber Kilian, ich bin heilfroh zu hören, dass Du okay bist. Du meine Güte! Ich hoffe, Du kommst schnell über dieses Erlebnis hinweg! Paß auf Dich auf! Bin froh, daß in diesem Fall offenbar etwas Anderes auf Dich aufgepaßt hat, was auch immer.

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