Freitag, 22. Juni 2012

Heute sind wir Fahrräder.

Donnerstag, 21.06.2012
Beltersrot nach Wolpertshausen
6,5 h / 22 km

Die nächste Schicht Schraubenvertreter tagt am Morgen schon wieder in den Tagungsräumen unseres busy Landhotels. Wir sind definitiv die spätesten Frühstücksgäste, lassen uns Zeit und schlendern dann mal los.

Rüber zum Gewerbegebiet, in dem unser Hotel einen weithin sichtbaren grauen Riesenbau unterhält. Einen Ableger in der Hotelfamilie, einen lecker Schlacht- und Zerlegebetrieb. Das mit Abstand größte Gebäude im Gewerbegebiet, vielleicht werden da die Tagungsgäste weiterverarbeitet, wenn sie fertig getagt haben. Brrr, schnell weiter. 

Die ersten zwei Stunden geht es mehr oder weniger ständig über Radwege in Richtung Kochertal, ich verliere zwischendrin mal eben die Orientierung, weil da plötzlich eine dicke Bundesstraße existiert, wo laut keine Karte keine ist. Mein internes Debugging braucht ein bißchen, bis ich irgendwann akzeptieren kann, daß die Realität recht hat, also gehen wir auf Nummer sicher und runter ins Tal. Und werden prompt mit einer kleinen Schau belohnt: Surrende Messer kündigen es an, der Schafscherer ist in der Stadt. Zusammen mit dem Sohn bearbeitet er gerade eines der letzten Schafe und schneidet ihm (dem Schaf...) zum Abschluß auch noch die Klauen mit einer Gartenschere. Die anderen stehen schon nackt und beleidigt auf dem oberen Teil der Hangwiese. Mutti kommt auch noch in Kittelschürzenuniform dazu, aber als sie den streng riechenden Witz macht, ob der Schafscherer nicht auch noch ihre Klauen... sie könnte ja schonmal die Strümpfe ausziehen... -- wir müssen dringend weiter! (Schließlich wollen wir ja noch irgendwann was essen...)

Zum Beispiel in Obermünkheim, wo erstaunlich viele Autos durch ein kleines Dorf brausen. Die Bäckerei verkauft uns was Kleines und der Mini-Marktplatz aus dem Dorfverschönerungsrepertoire der 80er Jahre ist genau richtig für die Mittagspause.

Als wir weiterziehen, fährt - passend zu den 80ern - noch ein Pontiac TransAm vorbei, über deren Insassen wir aufgrund von unmodischen Schauzbärten und anderen passenden Attributen nur grob schmunzeln können. Nachdem die beiden Herren aber irgendwie auch über uns zwei Wanderer lachen, ist die Gerechtigkeit doch wieder hergestellt.

Eine gute Stunde weiter frage ich den alten Mann, der mit seiner Katze auf der Picknickbank sitzt, ob es einen klugen Weg aus dem Tal heraus gibt. Denn weiter vorne kann man den einzig offiziellen Weg schon sehen: Die vielbefahrene Landstraße, die sich in Serpentinen den Talhang hochwindet. Autos über Autos zwischen LKWs. Also nix, wo man sich freiwillig zwischen Leitplanke und 40-Tonnern durchdrücken will. Wenn ich genau hinhöre, kann ich den Dialekt des Alten sogar verstehen und mache irgendwas wie "Nach der Wirtschaft links..." aus und tatsächlich findet sich da ein Schafspfad, der bis hoch aufs Plateau nach Wolpertshausen führt.

Neben der Autobahnauffahrt findet sich noch ein Edel-Edeka, der mit der regionalen Bauernschaft zu einer Markthalle der regionalen Produkte fusioniert hat. Kluger Schachzug der überhöhten Preise, aber am Ende schleppen wir so Köstlichkeiten wie Quittensaft und spannende Senfsorten aus dem Laden. Und ab sofort auch im Rucksack...

Ein Stückchen weiter kommt unser Dorfhotel, das sich das Dorf mit gerade mal fünf Bauernhöfen teilt. Die seltsame Kuh, die ständig den Baumstamm anstarrt, hätte uns eine Warnung sein können, aber am Ende ist doch alles nicht so schlimm. Der Laden sieht zwar aus wie ein Abstellplatz für gescheiterte Handlungsreisende, der nebenberufliche Kellner hat schon fast Tränen in den Augen vor Streß (3 Tische sind besetzt) und ich kann nicht aus dem Zimmerfenster gucken, weil alles komplett mit Wein zugewachsen ist, aber das Essen ist billig und dafür überraschend gut. Unser Nebentisch rebelliert, weil er keine Servietten bekommen hat und bringt den armen Kellner damit wahrscheinlich endültig ins Reich der Tränen. Kurz nach dem Fußballspiel brettert dann auch das Gewitter los und flutet Gärten und Landschaft um uns herum. Kein Fernseh- und kein Handyempfang mehr. Wenigstens der Strom geht noch. Willkommen auf dem Land..!

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