Donnerstag, 22. März 2012

Hügelketten.

Donnerstag, 22.03.2012
Iseste nach Arros-de-Nay
5,5 h / 24 km

Gestern Nachmittag hatte ich mich schon gewundert, wieso der Frühstücksraum so groß dimensioniert ist und auch noch eine Bar hat... Heute früh lerne ich es. Zu einem herrlichen Frühstück leistet mir das Gastgeberehepaar Lili & Jean Gesellschaft, wir quatschen lange über meine Tour, Sprachen, die Berge usw... Der nächste Gast kommt durch die Terassentür, ein älterer Herr mit Hund. Dann "l'invasion": vier Herren in Arbeitsklamotten, die mich mit fröhlichem Bonjour und Handschlag begrüßen. Diese Freundesrunde trifft sich immer hier um diese Zeit zum Morgenkaffee, was ich außerordentlich charmant finde. Zum Abschied, der mir angesichts so freundlicher Leute schwer fällt, mache ich noch ein Foto vom Haus für die guten Erinnerungen und zerre meinen Rucksack wieder Richtung Norden.

Im Netto (ja: Netto) in Louvie-Juzon erstehe ich das Gut, ohne das ich total aufgeschmissen wäre: Taschentücher. Ohne Taschentücher kein Durchblick. Nach ein paar Kilometern auf der Straße im Talgrund biegt der Weg endlich ab in die Hügel. Bauernhof folgt auf Bauernhof, Hügel auf Hügel und ich marschiere auf meinem kleinen Sträßchen mittendurch. Wie ein Panoramazug, der gemächlich durch die Landschaft zuckelt. Für heute habe ich eine idiotensichere Route ausgewählt: Nur kleine Straßen, keine Abkürzungen, keine Forstwege, keine Querfeldeinetappen. Das einzige 500m-Stück auf einem "schmalen Weg" endet auch prompt nach der ersten Kurve vor einem mit Stacheldraht und Kette gesicherten Tor, hinter dem die Schafe schon mißtrauisch gucken. Ich pfeife darauf, mich über den zusätzlichen Kilometer Umweg zu ärgern und verzichte gleichzeitig dankbar auf Neuauflagen meiner Querfeldein-und-Stacheldraht-Eskapaden.

Mein Mittagsrastplatz hat Seltenheitswert. Der Betonsockel eines Strommastes, der auf einer nicht eingezäunten Weide in der Sonne steht. Sitzen. Anlehnen. In die Sonne blinzeln. Den mehr als ausreichenden Rest des Baguette-Picknicks von gestern vertilgen. Daß bei alldem die beiden Hunde der 400m entfernten Nachbarbauernhöfe durchdrehen, weil ich in ihrem Revier sitze, ist mir herzlich egal. So eine schöne Sitzgelegenheit findet man hier selten, das muß ausgenutzt werden. Nach einer halben Stunde hören die Viecher endlich auf zu bellen, statt dessen entscheiden sie sich für die seltsame Taktik, eine kleine Schafherde an mir vorbei zu treiben. Wohlgemerkt ohne, daß da irgendein Bauer ein Zutun gehabt hätte. Den einen Hund hätte ich dabei fast übersehen (er sah selber wie ein Schaf aus), der andere nutzte die Gelegenheit, um dann doch nochmal Nachschlag zu bellen. Vielleicht brauchten sie die Schafe als Deckung, weil sie sich alleine nicht näher an mich herangetraut haben.


Der Rest des Tages vergeht neben Laufen mit statistischen Betrachtungen der vorbeifahrenden Autos samt Fahrer (vorläufiges Resultat: 5% Anhalten/Redebedarf, 15% freundliches Grüßen, 25% gütiges Lächeln, 40% Irritation, 15% vollkommenes Entsetzen). Dies entspricht ungefähr der Reaktionsrelation der gefühlten 1.400 Dorfhunde der letzten Tage: 20% Kuscheln, 65% neugierig-vorsichtiges Bellen, 15% Aggression. Ende des statistischen Exkurses.

Meine Unterkunft ist genauso freundlich wie die Kontaktaufnahme gestern am Telefon. Das Ehepaar Gill kommt aus dem Elsaß und spricht fließend deutsch, was nach zehn Tagen nur Französisch einerseits komisch, andererseits aber auch mal wieder sehr angenehm ist. Ihr Haus liegt ganz oben am Hang mit einem tollen Blick auf die Berge, es gibt einen persönlichen Empfang, ein herrliches Zimmer und Tee am Nachmittag. Fast überlege ich, ob ich noch einen Tag dranhänge, aber ich merke, daß die Zeit noch nicht reif ist für einen Pausentag. Hier wäre aber ein toller Platz dafür gewesen.


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